Von K. H. Kramberg

Im zweiten Buch Samuelis gibt es eine Reihe Kapitel, von denen moderne Schriftgelehrte (siehe das dtv-Lexikon „Die Bibel und ihre Welt“, Band 5) vermuten, sie seien en bloc überliefert und ihr Chronist – ein Höfling im Jerusalem des Königs David wahrscheinlich – habe bei der Niederschrift Informationen aus erster Hand eingeschleust. Es handelt sich um die sogenannte Thronfolgeraffäre, die schließlich und endlich auf die Frage hinausläuft, warum statt seiner älteren Brüder der junge Salomo als Erbe seines ruhmreichen Vaters die Herrschaft über das vereinigte Königreich von Israel antrat (mit Fortune, wie man weiß).

Der Hübschling Absalom war während des Versuchs, einen Staatsstreich gegen seinen Vater durchzuführen, das Opfer seiner langen Haare geworden. Der legitime Kronprinz Amnon aber wurde sich selbst zum Verhängnis, indem er sich in seine Halbschwester Thamar verliebte, sich krank stellte, sie in sein Haus lockte unter dem Vorwand, sich von ihr Kuchen backen zu lassen, ihr Gewalt antat, sie, wie es bei Luther heißt, schwächte und, um das Maß voll zu machen, sie nach diesem sittenwidrigen, wenn auch zu Davids Zeiten noch nicht vollends tabuisierten Inzest verfluchte und sie von seinen Dienstboten vor die Tür setzen ließ. Diese Schandtat hörte der König David natürlich nicht gern. Aber er wurde dem Kronprinzen nicht so gram, wie man annehmen möchte. Er war nämlich schon ein wenig senil geworden nach seiner fast vierzigjährigen glorreichen Zeit als Herrscher über das geeinte Israel.

Thamar eilte also zu ihrem leiblichen Bruder Absalom, der gern die Gelegenheit wahrnahm, zwei Jahre später den Rächer der beleidigten Jungfrau zu spielen, und den Kronprinzen bei einem festlichen Anlaß betrunken machte und ermorden ließ. Denn er trachtete als zweiter nach dem Thron Davids.

In dieser leidigen und, zugegeben, leichthin ridikülen Aktion spielt ein gewisser Jonadab eine recht üble Schlüsselrolle. Der Chronist weiß, Jonadab sei der Freund des Prinzen Amnon gewesen und habe diesem den Trick mit dem Sichkrank-Stellen, Die-Schwester-ins-Haus-Locken und so weiter eingeblasen. Aber nachdem der Ärger passiert ist, schwenkt er um, wanzt sich bei Absalom an und überführt sich bei David durch einen Versprecher als Mitschuldiger an der inzwischen schon erfolgten Ermordung des Kronprinzen. Ein Opportunist also, gelinde gesagt, wenn nicht ein durch und durch übles Subjekt, wiewohl ihn der biblische Text ausdrücklich, als weisen Mann apostrophiert. Wie auch immer, eine, interessante Figur, die komplizierteste wohl in dieser heiklen Affäre.

Dan Jacobson, 1929 geborener Südafrikaner, ist in Israel gereist und war, bevor er sich in England niederließ, Dozent für kreatives Schreiben in Amerika. Er kennt die Welt und sein Handwerk. Er weiß, wie man’s anpackt. So hat er sich als Ich-Erzähler eben jenen interessanten zwielichtigen und deshalb irgendwie „modern“ wirkenden Jonadab erkoren, als er die Fakten aus dem Buch Samuelis in seinem psychologisch fundierten und ironisch illuminierten Report aus dem Israel König Davids verwob –

Dan Jacobson: „Das Buch Thamar“, Roman, aus dem Englischen von Werner Gebühr; Werner Gebühr Verlag, Stuttgart 1973; 216 S., 20,– DM.