„Anna Lavinia und die andere Seite der Welt“, von Palmer Brown. Ein „lavendelblauer Tag“ ist für Anna Lavinia immer ein Zeichen dafür, daß aufregende Dinge geschehen werden. So wundert sie sich keineswegs, als sie in einem Tauteich, jenseits des Wasserspiegels, Menschen entdeckt. Nur sitzt man dort beispielsweise an der Decke statt auf dem Fußboden, und die Dinge haben eine seltsame Neigung, nach oben davonzuschweben. In dieser geheimnisvollen Welt lernt Anna Lavinia Toby kennen, ein Zigeunerkind, Tante Kornelia und zum Schluß stiftet sie eine Ehe, die lange schon fällig war. Dieses Buch, für Jungen und Mädchen ab acht Jahren geschrieben, ist kein Abenteuerbuch. Es ist vielmehr durch und durch romantisch – eine heile Phantasiewelt mit kleinen Problemen, die aber sofort gelöst werden. Da gibt es einen riesigen Garten, viele Tiere, die Eidechse mit den weißen Tupfen oder Brombeerchen, den kleinen Kater, und neben der verträumten Anna Lavinia gibt es auch noch Onkel Gottfried, der auch nicht so ganz von dieser Welt ist (er ist nämlich, wie sich später herausstellt, von der anderen Seite des Teiches). Viele Verse und Lieder, viele sehr schöne Schwarzweißzeichnungen von Margriet Heymans lockern das Buch zusätzlich auf, übrigens das zweite, das Palmer Brown über Anna Lavinia geschrieben hat. Verträumte, phantasievolle Kinder werden es sicher gerne lesen oder vorgelesen bekommen. (Benziger Verlag, Köln, 1973; 147 S., 12,80 DM)

U. B.

„Das haben wir nicht gewollt“, von Paul Zindel. Laura und John erzählen abwechselnd, wie alles gekommen ist: Die Clique telephonierte unter einem Vorwand mit fremden Leuten und verwickelte sie in stundenlange Gespräche. Zu ihrer größten Erheiterung fielen die meisten darauf rein, waren aber froh, überhaupt angerufen zu werden. Einer von denen ist Mr. Pignati. Laura und John gaukeln ihm vor, für eine Wohlfahrtsstiftung zu sammeln. Er macht keine großen Umstände, sagt ihnen einen größeren Betrag zu und lädt sie zu sich nach Hause ein. Halb aus Neugier, halb um den Streich weiter zu treiben, vielleicht sogar das Geld zu behalten, gehen die beiden zu dem Alten. Er ist ein schrulliger Typ, der in einem riesigen Haus allein wohnt, Porzellanschweine sammelt, von seiner Frau erzählt, als lebe sie noch. Die beiden haben Angst, bleiben aber, verabreden sich sogar zu einem Besuch im Zoo mit ihm und ziehen mit dem Scheck ab. Das Haus von Mr. Pignati ist bald wie ein Zuhause für die Kinder: Er vertraut ihnen, er verwöhnt sie. Sie weihen den Alten in ihre Streiche ein, geben den Scheck zurück, besuchen ihn, kümmern sich um ihn. Für alle drei ist ein bißchen Märchen angebrochen bis die Kinder eines Tages Mr. Pignati krank finden und ihn ins Krankenhaus bringen. Im leeren Haus, so meinen sie, könne man eine kleine Party feiern. Aber die Party artet aus, die Prozellansammlung von Mr. Pignati geht in Scherben, die Kleider seiner verstorbenen Frau werden zerrissen, er kommt überraschend an diesem Abend zurück. Laura und John versuchen zu retten, was zu retten ist – sie haben es nicht böse gemeint. Noch einmal lädt sie Mr. Pignati zu einem Besuch in den Zoo ein, und dann ist es für alles zu spät. Das Spiel ist aus, und nie mehr wird es so sein, wie es einmal war. – Der Bruch mit der Kinderwelt ist hier fast immer schon vorweggenommen, die kalte anonyme Erwachsenenwelt, aus der die Kinder für kurze Zeit entfliehen, wurde durch ihre eigene Schuld ihre Zukunft: ein trostloses Bild ständigen Versagens, mangelnden Verständnisses. Dabei spielt es letztlich keine Rolle, was gewollt wird und was nicht, es zählt die Tat. Verlangt der Autor zuviel? Er läßt nur eine Chance offen: „Unser Leben wird von nun an nur das eine sein, was wir daraus machen – nicht mehr, nicht weniger.“ Das ist verdammt ehrlich gemeint. (Aus dem Englischen von Ingeborg und Horst Künnemann; Benziger Verlag, Köln, 1973; 200 S., 13,80 DM)

Chr. Z.

„Treffpunkt K“, von Joan Aiken. Das ist nun tatsächlich etwas zum Schmausen und Schmökern, eine tolle Geschichte, in der es von phantastischen Einfällen nur so wimmelt; eine Welt, in der in aller Selbstverständlichkeit vernünftige Leute und verrückte Kobolde einander übertrumpfen und jeder einmal oben und einmal unten ist. Kapitän Hughes und die zwölfjährige Dido fahren an einem unheimlichen Herbstabend in einer Kutsche durch England, um eine Geheimdepesche nach London zu bringen, bevor der neue König Richard IV. in der St.-Pauls-Kathedrale gekrönt wird. Unterwegs verunglücken sie. Der Kapitän ist schwer verletzt, Dido muß Hilfe holen. Sie gerät in ein Schloß, in dem einiges nicht stimmt, und sie kommen in einer Pächtersiedlung unter, in der noch mehr nicht stimmt: Dido und der Kapitän sind geradewegs in das Zentrum der Verschwörung geraten, die sie mit ihrer Depesche verhindern wollen. Die Attentäter planen, den König bei seiner Krönung samt Kathedrale, samt adligem und bürgerlichem Publikum in die Themse zu stürzen mittels eines genial ausgedachten Plans. Ganz nebenbei will man auch noch die unmündigen Erben eines Adelsgeschlechtes beseitigen, denn deren Vermögen wird zur Ausführung des teuflischen Plans gebraucht. Das alles bietet genügend Stoff für merkwürdige Begebenheiten, Zaubereien, die sich listigerweise als hypnotische Täuschungen erklären lassen und dennoch unheimlich bleiben. Atemlose Flucht und Verfolgung, letzte Hilfe im letzten Moment, Quälereien, Nettigkeiten und appetitanregende Pausenmahlzeiten. Und all die Konstruktionen und klugen Einfälle – sie werden auch den skeptischen Leser zufriedenstellen. Ganz unmerklich auch ist all das Märchenhafte, Skurrile, Kauzige oder Bösartige nur vorgeschoben als Modell für die Realität, in der es eben Mordlust gibt, in der manches schiefgehen kann. (Aus dem Englischen von Inge M. Artl; Verlag, Friedrich Oetinger, Hamburg, 1973; 229 S., 14,80 DM) Chr. Z.

„Bammel“, von Hans Stempel und Martin Ripkens. Bammel ist ein kleiner Junge, der wie alle Kinder lernen muß, so zu leben, wie es in seiner (unserer) Kultur üblich ist. In 28 Minigeschichten zeigen die Autoren den Inhalt dieses Lernprogramms, Alltagssituationen, die auf jedes Kind zutreffen könnten. Lerngeschichten also, und alles, was in den letzten Jahren zum Thema „Soziale Interaktionen geschrieben worden ist, hat in Form und Inhalt dieser modernen moralischen Geschichten Eingang gefunden, ohne daß es jedoch eine vordergründige Rolle spielt. Die Autoren, von denen die besten Kindergedichte der Gegenwart Stämmen („Purzelbaum“), schlagen den armen Erwachsenen dabei ihr unterdessen allbekanntes kinderfeindliches Mißverhalten nicht abermals um die Ohren, sondern sie machen Kindern und Erwachsenen mit List, Menschenkenntnis und Humor durch ihre vielen Beispiele klar, daß man über viele Verhaltensformen verschiedene Ansichten haben kann und sprechen sollte. Die letzte Szene heißt „Schlüsselgeschichte“. Es dreht sich zwar um einen verlorenen Schlüssel, ihr Thema ist jedoch darüber hinaus Schlüssel zum rechten Verständnis dieses Buches, aller Kinder und aller Erziehungsdialoge. Bammel lügt. Er lügt aus „Angst vor der Schimpfe“, Angst vor der Mutter, und sie sagt: „Dann hab’ ich etwas falsch gemacht Und: „Vor mir sollst du nie Angst haben.“ Das sind Sätze, die man nicht oft genug lesen und vorlesen kann, denn die Angst der Kinder ist noch längst nicht vorbei, wenn sich Erwachsene zu neuen Erziehungsidealen entschließen. (Heinrich Ellermann Verlag, München, 1973; 63 S., 6,80 DM) sy

„Die Flucht“, von Ota Hofman. Sascha ist einer von den Jungs, die mit ihren Spezis heimlich im Schuppen rauchen, auf glimmendes Heu pinkeln und es nicht verschmähen, dem Todeskampf einer gefangenen Maus zuzusehen – neugierig, naiv, grausam, vom Verbotenen verführt. Ein Schuppen ist abgebrannt– ausgerechnet der, indem man mit Freunden die Zigarette kreisen ließ. Die Untersuchungen beginnen in der Schule, Sascha muß mit dem Zorn seines Vaters rechnen, womöglich mit dem Rausschmiß aus der Schule. Auf dem Heimweg trödelt Sascha, überlegt, ob sie’s wirklich gewesen sein könnten, sie hatten dochdie glimmenden Reste gelöscht, kommt in eine Laubenkolonie, in der sie sonst, spielen, es wird dunkel. Da packt ihn einer, ein Fünfzehnjähriger mit einer braunen Lederjacke; der auch kein reines Gewissen hat. Sie fahren lange mit einem gestohlenen Lastwagen. Rudi, aus einem Fürsorgeheim entflohen, will den Kleinen später zurücklassen, denn allein kommt er leichter vorwärts. Doch Sascha klammert sich an ihn, obwohl er ihn fürchtet. Er hinterläßt überall Zeichen, steckt Schläge dafür ein, folgt seinem Entführer über Stock und Stein. Das letzte Stück der Flucht bringt die Entscheidung. Sascha kann nicht mehr, vor Hunger und Überanstrengung bricht er zusammen. Rudi, der fast bewunderte Rohling, entscheidet den Erfolg dieser Flucht – für beide. Das ist kühl erzählt, der Autor überläßt seine Personen ihrem Schicksal und mischt sich nicht ein, dramatisiert nichts, überläßt alle Interpretation dem Leser – falls sie überhaupt nötig ist, denn hier ist die Realität so ausgeschöpft, daß nichts über sie hinausgesagt werden muß. Diese Szenen sind bildgewordene Gedanklichkeit, für die nichts unmöglich ist. Und: nichts ist so schlimm, daß es nicht noch schlimmer werden könnte. (Aus dem Tschechischen von Peter Vilimek; Georg Bitter Verlag, Recklinghausen, 1973; 112 S., 11,80 DM)

Chr. Z.