Die Junta treibt den Intellektuellen den Marxismus mit Terror aus

Von Horacio Cabral-Magnasco

Die Urheber des Militärputsches vom 11. September warteten nicht, bis ihre „Normalisierungsmaßnahmen“ abgeschlossen waren, um eine drastische „kulturelle Säuberung“ einzuleiten. Als subversive Elemente verdächtigt, trifft die Intellektuellen – einschließlich derjenigen, die sich niemals militant verhielten – das gleiche Los wie die Politiker und die Gewerkschaftsführer, die man zusammentreibt, einsperrt oder füsilieren läßt. Was dies angeht, so hat der Chefredakteur der rechtsextremen Tageszeitung von Santiago, René Silva Espejo, kürzlich den „Fehlinformationsfeldzug bedauert, den die Weltpresse im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse in Chile“ unternehme. Es ist hier nicht der Ort, die Behauptungen eines Mannes unter die Lupe zu nehmen, der die Hauptverantwortung für eine Zeitung trägt, welche sich erst mit Hartnäckigkeit gegen die Volksfrontregierung stemmte und sich mit dem 11. September in die wichtigste Pressestütze der Militärjunta verwandelte. Dieser Bericht hier versucht einen Überblick zu geben über das kulturelle Leben Chiles vor dem Putsch und gründet sich dazu auf statistische Daten; und wo er in Erinnerung ruft, wie es den Intellektuellen des Andenstaates heute ergeht, beschränkt er sich auf Informationen, die die Regierung des Generals Augusto Pinochet selber herausgegeben hat oder die durch die Maschen einer strengen Zensur ins Ausland gelangten.

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Lange bevor die Volksfrontregierung an die Macht kam, genoß Chile ein für ein unterentwickeltes südamerikanisches Land seltenes Privileg: Kultur war hier nicht reserviert für die oberen Schichten der Intelligenz, sondern durchaus eine Sache auch des Volkes. In der Analphabetismus-Statistik des Subkontinents stand es erst an drittletzter Stelle. Bis 1972 hatte Chile die Zahl seiner Analphabeten auf 10 Prozent reduziert und wurde im Kampf gegen den Analphabetismus nur noch von Argentinien (mit 8,6 Prozent) und Uruguay (mit 9 Prozent) übertroffen.

Wenn die argentinischen Sommertouristen die vom ewigen Schnee bedeckten Höhen der Anden hinter sich hatten und auf chilenisches Gebiet kamen, passierten die Wagen eine doppelte und lange Reihe von Straßenbauarbeitern. Man hätte geglaubt, daß diese ausgemergelten und zerlumpten Männer, Gefangene der Erde und der körperlichen Schwerarbeit, mit nichts anderem als ihrem bloßen physischen Überleben beschäftigt wären. Doch nach den obligaten Grußformeln baten viele von ihnen um eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein Buch. Es war ein Symbol dafür, was in Chile seit einem Jahrhundert für die Volksbildung getan worden war.

Die wichtigsten Anregungen für das chilenische Bildungswesen gingen von Andrés Bello aus, einem venezolanischen Pädagogen, der hier lebte und dem man ein Schulsystem verdankt, welches 1920, mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht für alle Kinder zwischen sieben und fünfzehn Jahren, gekrönt wurde.