Inmitten des Börsenjubels über die nunmehr auch amtlich bestätigte Zinssenkung und über die partielle Restriktionslockerung traf den Aktienmarkt am Wochenbeginn mit der sich verschärfenden Ölkrise eine kalte Dusche. Sie führte dazu, daß ein großer Teil der im Oktober erzielten Kursgewinne an einem Börsentag in sich zusammenschmolz. Diese Bewegung macht deutlich, auf welchen schwachen Füßen das deutsche Aktienkursniveau vorerst steht. Die Westdeutsche Landesbank hat zweifellos recht, wenn sie meint, daß es nach unten keineswegs abgesichert ist.

Andererseits kann man aber wohl davon ausgehen, daß die sinkenden Zinsen für eine gewisse Stütze sorgen werden. Entscheidend wird die Gewinnentwicklung des Jahres 1974 sein. Neben höheren Lohnkosten müssen mit Sicherheit kräftig steigende Energiekosten verdaut werden. An Produktionseinschränkungen aus Energiemangel denkt vorerst an der Börse niemand.

Typisch für die gegenwärtige Börsensituation ist die Tatsache, daß kaum eine Reaktion auf die Thyssen-Ankündigung eintrat, die Dividende erhöhen zu wollen. Daß im Stahl-Bereich besser verdient wird, war seit langem kein Geheimnis und eine höhere Thyssen-Dividende wird als selbstverständlich empfunden. Für die Zukunft der Stahl-Aktien wird ausschlaggebend sein, ob es gelingt, eine dauerhaft gute Ertragskraft zu erreichen. Und hier ist man nach den bisherigen Erfahrungen skeptisch. Enttäuscht sind die Börsianer über das, was bisher über die Gründung eines großen deutschen Ölkonzerns bekannt wurde. Zu einer großen Lösung scheint niemand in Bonn das Geld aufbringen zu wollen. Der vermutlich stattfindende Erwerb der 48prozentigen Beteiligung des RWE an Gelsenberg durch den Bund würde den Aufwand nicht rechtfertigen, der bisher an Verhandlungen erbracht worden ist. Für die Börse steht fest: Die fehlenden drei Prozent des Gelsenberg-Kapitals an der Majorität würde der Bund erhalten, ohne daß dadurch der Börsenkurs der Gelsenberg-Aktie berührt wird. K. W.