Ein Reformmodell mit Fragezeichen

Von Gilbert Ziebura

Bücher über Europa zu besprechen, ist ein ebenso frustrierendes Geschäft wie die Beobachtung der praktischen Politik, und sicherlich besteht zwischen beidem ein innerer Zusammenhang. Der Eindruck verstärkt sich, daß Theoretiker wie Praktiker immer mehr an der Wirklichkeit vorbeigehen, indem sie entweder ihre Wünsche für wahr halten oder ihre Ratlosigkeit durch Zweckoptimismus überdecken. So werden die heiligen Kühe der Europa-Orthodoxie kräftig weitergefüttert (etwa in den Schriften Walter Hallsteins), anstatt auch im Bereich der Europa-Politik Zielvorstellungen und Methoden grundsätzlich und zugleich realistisch zu kritisieren (wozu die Phantastereien eines Johan Gattung etwa nicht gehören).

Merkwürdigerweise werden innergesellschaftliche Prozesse und Strukturen viel schneller und gründlicher in Frage gestellt als inter- oder transnationale Vorgänge, obwohl diese heute (und in Zukunft noch nicht viel mehr) die nationale Existenz durchdringen und damit zwingend mitgedacht und -analysiert werden müssen. Unsere Gesellschaft besitzt eine europäische (und über Europa hinausgehende) Dimension, auch wenn wir über die Intensität der sogenannten „Verflechtung“ und über die Natur der damit verbundenen Interdependenz noch immer wenig wissen.

Daß endlich frischer Wind durch die europäische Mottenkiste fährt, erhofft man sich von

Ralf Dahrendorf: „Plädoyer für die Europäische Union“; R. Piper & Co, München und Zürich 1973; 280 S., 25,– DM.

Dem Autor geht der Ruf eines unorthodoxen, ja provozierenden Kritikers der Europapolitik voraus (man denke an seine „Wieland Europa“-Artikel in der ZEIT im Juli 1971), und dieser Ruf fällt um so mehr ins Gewicht, als Dahrendorf die seltene Chance verkörpert, die als Mitglied der Brüsseler Kommission gesammelten Erfahrungen mit der analytischen und begrifflichen Fähigkeit des ehemaligen (und künftigen!) Sozialwissenschaftlers zu reflektieren. Leider entfährt dem Buch nur ein leises Säuseln, das niemandem weh tut. Im nachhinein begreift man gar nicht, warum die ZEIT-Artikel solchen Wirbel verursachten.