Von Herbert Ehrenberg

Die vielen stabilitätspolitischen Anstrengungen der letzten drei Jahre zeigen ihre ersten (wenn auch noch bescheidenen), Erfolge. Mehr konnte realistisch weder früher noch in größerem Umfang erwartet werden; die Geld- und Kreditpolitik wurde erst durch die währungspolitischen Maßnahmen vom März dieses Jahres voll handlungsfähig, und auch die Verknappung öffentlicher Aufträge konnte nur vor dem Hintergrund erfolgreicher Reduzierung des Geldvolumens wirksam werden. Unter Berücksichtigung des vom Sommer 1972 bis Frühjahr 1973 allein durch Devisenzuflüsse um gut fünfzig Milliarden Mark aufgeblähten Geldvolumens sind darum die stabilitätspolitischen Erfolge hoch zu bewerten. Um so notwendiger, Vorsorge dafür zu treffen, daß die konsequente Fortsetzung dieser Politik nicht zu früh in Frage gestellt wird.

Es ist eine unvermeidliche Folge global wirkender Maßnahmen, daß mit den ersten stabilitätspolitischen Erfolgen auch die ersten „Stabilitätsopfer“ in der Öffentlichkeit große Beachtung finden. (Konkurse schnell gewachsener Firmen – vor allem, wenn sie aus Liquiditätsgründen erfolgen – sind begehrtes Objekt für Schlagzeilen und Bildmeldungen der Massenmedien.) Zwar werden in der marktwirtschaftlichen Literatur Unternehmensgewinn und -risiko stets in einem Atemzug genannt – doch die deutsche Öffentlichkeit ist die Inkaufnahme von Risiken nicht gewohnt. Auch kann nicht übersehen werden, daß jede scharfe Restriktionspolitik, wenn sie zu lange fortgesetzt wird, nicht nur allzu optimistische Kalkulationen zusammenbrechen läßt, sondern zunehmend Arbeitsplätze in Gefahr bringt. (Und das Gefühl für Arbeitsplatzunsicherheiten kann nach den Erfahrungen von 1966/67 sehr viel schneller zunehmen, als es dem quantitativen Ausmaß der ersten ernsthaften Schwierigkeiten entspricht.)

Von einer zunehmenden Verbreitung des Gefühls für Arbeitsplatzunsicherheiten und dem für die sozial-liberale Koalition verbindlichen Anspruch der Arbeitnehmer auf sichere Arbeitsplätze drohen der Stabilitätspolitik in den nächsten Monaten Gefahren. Die sowieso schwierige Gratwanderung der Konjunkturpolitik von einer überhitzten zu einer „normalen“ Konjunktur wird hierdurch zusätzlich erschwert. Zwischen einem möglichen „zu früh“ und einem möglichen „zu spät“ den richtigen Zeitpunkt für das „Umschalten“ der Konjunkturpolitik zu finden, wird hiermit zu einer fast unlösbaren Aufgabe. (Jedenfalls für die Globalsteuerung unlösbar.)

Den richtigen Zeitpunkt gelassen abzuwarten, wird um so schwieriger, je differenzierter das Konjunkturbild nach Überwindung des Gipfels erscheint. Sektoren mit erheblichen Strukturschwachen zeigen sehr viel schneller Bremswirkungen (und die Bremsspuren sind tiefer) als Wachstumsindustrien; in Regionen mit wenig entwickelter und/oder wenig differenzierter Wirtschaftsstruktur kappt eine global wirkende Restriktionspolitik den Boom früher als in den wirtschaftlichen Kernregionen.

Sektorale und regionale Arbeitslosenziffern können aber Gewerkschaften und Politiker schon dann alarmieren, wenn die durchschnittliche Gesamtlage noch keineswegs ein „Umschalten“ der Konjunkturpolitik erfordert. Und da das Material für Konjunkturdiagnosen selten ganz eindeutig ist, kann auch bei unterschiedlicher Wertung der verschiedenen Indikatoren sehr schnell eine hitzige Polemik um die richtige Grundrichtung der Globalsteuerung entstehen, die dann genau das erschwert, was in einer solchen konjunkturellen Übergangsphase am notwendigsten ist: objektive und gelassene Beobachtung des weiteren Verlaufs bei (gewissermaßen „Gewehr bei Fuß“) vorhandener Bereitschaft zum Gegensteuern.

Nicht einfacher, aber aussichtsreicher für den angestrebten Stabilisierungserfolg wird die Situation, wenn man sich von der Vorstellung einer massiven Anwendung des Instrumentariums der Globalsteuerung – rauf oder runter, bremsend oder ankurbelnd, aber immer massiv in einer Richtung – löst und statt dessen zu einer differenzierten Anwendung der Möglichkeiten übergeht.