Von Jürgen Dahl

Seit das Auto ins Gerede gekommen ist, hört man von allen Seiten Empfehlungen, wie der Verkehrsmisere beizukommen,sei: mit gutem Willen oder mit hohen Steuern, mit vernünftiger Planung oder mit einem der brandneuen, garantiert unschädlichen Beförderungssysteme, die den Ingenieuren dauernd einfallen. All diesen Alternativ-Vorschlägen zum gegenwärtigen Individualverkehr ist gemeinsam, daß sie stillschweigend von der Voraussetzung ausgehen, das derzeit praktizierte Maß an Fortbewegung pro Kopf und Jahr müsse unbedingt erhalten bleiben und dies sei technisch und wirtschaftlich möglich. Zu einer tiefer reichenden Ergründung der Verkehrsprobleme aber würde doch wohl auch gehören, daß man einmal prüft, ob denn nicht vielleicht unsere Ansprüche an die Mobilität überzogen sind, ob nicht unser Liebesverhältnis zur beliebigen Ortsveränderung perverse Züge trägt und, wenn es, wie auch immer, fortgesetzt wird, zur Auszehrung führen muß.

Mobilität ist die Freiheit, sich von einem Ort an einen anderen zu begeben, wann immer man will – eine Freiheit, die gewöhnlich als Steigerung des Lebensgenusses angepriesen und oft genug als Inbegriff der Freiheit überhaupt ausgegeben wird: eine bemerkenswerte Einengung des Freiheitsbegriffs auf den eher peripheren Aspekt der Fortbewegung. Niemand wäre demnach unfreier als ein Eskimo in seinem Iglu.

Zu welchem Zweck und aus welchem Antrieb sich der Freizügige seiner Freizügigkeit bedient, davon ist meist nur andeutungsweise die Rede – mit gutem Grund, denn, eine Liste der Zwecke würde offenbaren, daß die vermeintliche Freiheit bitter nötig ist, um Zwänge aller Art vergessen zu machen, sie ist eher ein Trostpflaster als ein Geschenk. Die partielle Unabhängigkeit kaschiert nur dürftig die sehr viel tiefer reichenden Abhängigkeiten, deren einige sie selbst mit, hervorgebracht hat:

Wenn der Milchmann nicht mehr an die Haustür kommt, dann ist es ein fauler Trick, daß man die Möglichkeit, die Milch mit dem Auto selber zu holen, als liebenswerte Mobilität ausgibt. Und die Freiheit, bei der Berufsausübung jede denkbare und erwünschte Mobilität walten zu lassen, ist nichts als das mindestnötige Äquivalent dafür, daß man auf dem Arbeitsmarkt, statt sich zu bewegen, auch aufs übelste bewegen werden. kann. Die Vorstellung, Mobilität sei eine Gratisdreingabe zum modernen Leben, ist unzutreffend.

Daß Immanuel Kant sich sein ganzes Leben nicht aus Königsberg fortbewegt hat, macht ihn in den Augen unserer schnellen Zeitgenossen bedauernswert bis lächerlich, weil sie nicht mitzählen, daß im 18. Jahrhundert in Königsberg zu bleiben weitaus weniger peinigend war als die Zumutung, im 20. Jahrhundert an Düsseldorf gefesselt zu sein. So wird der Flüchtlingstreck, der am Wochenende und im Urlaub das Weite sucht, umgedeutet zur fröhlichen Karawane derer, die ihr Leben zu genießen verstehen.

Das Lob der Mobilität erweist sich als Verdrehung: Nicht die Fortbewegung an sich ist nötig und erwünscht für Arbeitszeit und Freizeit, für Einkauf und Verkauf, für Pflicht und Vergnügen, sondern umgekehrt: die Art und Weise, in der dies alles abgehalten wird, bis hin zur Standortbestimmung neuer Gemeinwesen, hat sich den Möglichkeiten schneller Fortbewegung angeglichen. Daß es ohne sie heute nicht mehr gehe, besagt nur, daß es, gäbe es sie nicht, dann eben etwas anderes geben würde – Schlechteres nur, wenn es denn wirklich „schlechter“ ist, daß der kurzfristige Ortswechsel sich erübrigt.