„Brudertier“: Paul Roazens Buch über Victor Tausk

Von Hans Krieger

Am 3. Juli 1919 schlang Dr. jur. et med. Victor Tausk, brillanter, aber schwieriger Schüler Sigmund Freuds und vom Meister kaum gemocht, eine Vorhangschnur um seinen Hals und schoß sich eine Kugel in die Schläfe. Wirft dieses tragische Ende eines offenbar hochbegabten, aber an sich und am Leben gescheiterten Menschen neues Licht auf die Persönlichkeit Sigmund Freuds? Paul Roazen, Harvard-Professor für politische Theorie und Autor eines Buches über „Politik und Gesellschaft bei Freud“, ist dieser Meinung.

„Niemand wird Ihnen etwas über Tausk erzählen“, sagte man Roazen, als er begann, systematisch alle noch erreichbaren Personen zu interviewen, die Freud unmittelbar gekannt hatten – zunächst ohne die Absicht, dem Fall Tausk bevorzugte Aufmerksamkeit zu widmen. In zahllosen Gesprächen und beim Durchforschen des Archivs des Freud-Biographen Ernest Jones erfuhr er dann doch so viel über diesen Fall, daß er beschloß, ihm ein eigenes Buch zu widmen. Jetzt liegt es, wenige Monate nach seinem Verriß in der Psychoanalytiker-Zeitschrift „Psyche“, auch auf deutsch vor –

Paul Roazen: „Brudertier – Sigmund Freud und Victor Tausk“ – Die Geschichte eines tragischen Konflikts; Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg, 1973; 227 S., 24,– DM.

Das Fazit: Tausks Leben drehte sich um Freud, „wie eine Motte das Licht umschwirrt“; er „zehrte sich auf im Kampf mit Freud. Seine Vernichtung durch Freud schien unausweichlich zu sein.“

War es Freud oder, wie dieser mutmaßte, „das Vatergespenst“, mit dem Tausk bis zur Selbstvernichtung rang? Oder läuft beides letztlich auf dasselbe hinaus, weil Freud für seine Schüler zum Übervater wurde, mit dem sie sich identifizierten und den sie insgeheim oder offen auch hassen mußten für die Abhängigkeit von ihm? Das „Vatergesicht über meinem Leben“ nannte ihn Lou Andreas-Salome, als sie selbst schon weit über die 70 war. Und Tausk war gewiß nicht der einzige, den vor allem eigene innere Schwierigkeiten der Psychoanalyse zutrieben.