Das Haus ist neu, und die Gäste haben schon Wohn- und Eßzimmer, Schlaf- und Arbeitszimmer; Küche und Bad besichtigt. "Das Kinderzimmer, erläutert der stolze Hausherr, "haben wir oben "

Ein schönes Kinderzimmer: groß, sonnig, mit Blick in den Garten. Mitten im Raum steht ein prächtiges Himmelbett. Das Kind fehlt noch: Es soll erst in ein paar Wochen zur Welt kommen. "Hier", sagt die hoffnungsfrohe junge Frau, "soll es sein Reich haben. Hier kann es auch ruhig schreien. Wir hören das unten nicht "

Ohne Zweifel: Das. Kind ist ein Wjinschkind, und es soll ihm an nichts fehlen. Auch schreien können soll es, soviel es will. Daß für das Kind aber gar nicht die Freiheit zum Schreien, sondern der Erfolg seiner Bemühung wichtig ist, kommt den von besten Absichten durchdrungenen Eltern nicht in den Sinn.

Der Säugling, so lehren heute Verhaltensforscher, schreit nicht, um einfach Lärm zu machen, sondern weil das die einzige Möglichkeit für ihn ist, Aufmerksamkeit zu erwecken. Er schreit, weil er Hunger hat oder weil sein Kontaktbedürfnis unbefriedigt ist. Wie jede Mutter weiß, hört er meist auf zu schreien, sobald er auf den Arm genommen wird. Aber das Nächstliegende zu tun, gilt vielen schon als "Verwöhnung".

"Die heute geltenden Regeln der Säuglingspflege", stellten Marie Meierhofer und Wilhelm Keller vom Züricher Institut für Psychohygiene des Kindesalters fest, "gehen weitgehend noch auf veraltete wissenschaftliche Theorieh zurück. Sie führen zur Verbannung des Kindes ausdem Schlafzimmer und aus der Nähe der Mutter und bedingen oft auch in der Familie eine extreme Isolierung des Sätigiihf&rfft seinem Be tchejr und eigenem Zimmer. Noch immer Werden rF zweckmäßige, ja schädliche pädagogische Maßregeln propagiert: langes Schreienlassen vor den Mahlzeiten und in der Nacht, Einengung des Bewegungsdranges und Bestrafung des Kleinkindes wegen seiner Aktivität usw "

Die Folgen: "Depressionen und Hemmungszu stände sowie Schlaf- und Eßstörungen sind deshalb in der Sprechstunde des Kinderarztes und des Kinderpsychiaters häufige Erscheinungen Es ist cjurchaus denkbar, daß auch Erziehungsschwierigkeiten, die erst Jahre später auftreten, in solch häufiger frühkindlicher "Enttäuschung" ihre Ursache haben. Aber derartige Zusammenhänge sind naturgemäß schwierig zu beweisen.

Die Kinderzimmer Episode, die ich selbst erlebte, ist somit gar nicht so belanglos, wie sie zunächst erscheint. Sie zeigt, wie sehr auch bei Wunschkindern die Bedürfnisse in derersten Lebenszeit verkannt werden, in einer Zeit, in der die Weichen für die spätere Entwicklung gestellt werden "Viele Eltern", klagte Johannes Pechstein, Direktor des Kinderneurologischen Zen trums und des Instituts für Soziale Pädiatrie des Landes Rheinland Pfalz, "sind über die Funktion ihrer Anwesenheit beim jungen Kind sehr viel weniger informiert als über ihre viel spätere Aufgabe, die Selbständigkeit des Kindes zu fördern und es in außerfamiliäre Lebensbereiche einzuführen; sie wissen nicht, daß das Kind am Anfang des Lebens mehr elterliche Gegenwart benötigt als jemals später "