Von Wolfgang Hoffmann

Die Nation steht wieder einmal kopf. Unisono wie sonst nie beklagen Unternehmer, Gewerkschaften, Sozialempfänger und Verbraucher, die Opposition gemeinsam mit den Jungsozialisten, daß Europas größter Dienstleistungskonzern von der Mitte des nächsten Jahres an seine Preise drastisch erhöht. Die Deutsche Bundespost verlangt demnächst Gebühren, die um 50, 100 und mehr Prozent höher sein werden als heute. Vorbei an der SPD-Preisaktion „Gelber Punkt“ setzt sich Postminister Horst Ehmke dem Verdacht aus, just das zu haben, was seine eigene. Partei den Unternehmern vorgeworfen hat – eine schier unersättliche Profitgier.

Ganz so unersättlich, wie es den leidgeprüften Postkunden scheint, ist der Postminister dennoch nicht. Wer die Post mit Dienstleistungsunternehmen der freien Wirtschaft vergleicht, muß zugeben, daß Ehmke jetzt nur nachholt, was die Schneider, Friseure, Hoteliers, Autoreparaturwerkstätten und andere Dienstleistungsproduzenten Jahr für Jahr tun, indem sie die Preise vor allem den höheren Personalkosten anpassen. Auch in der privaten Wirtschaft sind die „Gebühren“ für manche Leistungen seit 15 Jahren um 100, 200, ja teilweise sogar um 400 bis 1000 Prozent gestiegen. Hätte sich auch die Post wie die privaten Betriebe verhalten, die Gebührenerhöhung 1974 wäre nur klein ausgefallen. Bisher aber wurde stets zu lange gezögert, die Gebühren anzupassen, was zu immer höheren Verlusten führte. Deshalb muß die Erhöhung jetzt ungewöhnlich drastisch ausfallen.

Die Deutsche Bundespost sei in Europa nun am teuersten, heißt es überall. Daß die Bundesrepublik aber auch den höchsten Lebensstandard in Europa hat, wird dabei oft übersehen. Vergessen Werden dabei auch noch andere Faktoren. So ist die Schweiz deshalb viel billiger, weil die doppelt so hohe Verkehrsdichte in diesem Land geringere Kosten verursacht. Hinzu kommt, daß die eidgenössischen Postbetriebe keine Steuern zahlen, während die Bundespost bisher insgesamt rund zehn Milliarden Mark an den Fiskus abführen mußte. Das ist. just so viel Geld, wie Horst Ehmke jetzt in den nächsten zweieinhalb Jahren über höhere Gebühren einnehmen kann.

Der Service der Bundespost bietet mehr als der Postservice in manchem anderen Land. Wer je in Frankreich zum Hörer griff, sehnt sich schnell ans deutsche Telephon zurück. Dabei ist das Telephon in Frank reich bisher sogar teurer als in der Bundesrepublik. Dennoch: Vergleiche mit dem Ausland hinken, selbst wenn die Statistik recht haben mag. Die Strukturen der einzelnen Postdienste sind zu verschieden.

Wer täglich seine Zeitung zum Frühstück bekommt, gleichwohl aber weiß, daß der Postzeitungsdienst mit beachtlichen Verlusten (rund eine halbe Million Mark) abschließt, sollte einmal nachdenken. Schließlich zahlt der Staat und damit der Steuerzahler für diese Informationsmöglichkeit, auf die viele Bürger vielleicht verzichten müßten, wenn die Vertriebskosten auf den Zeitungspreis voll aufgeschlagen würden.

Wenn der Postminister nun wirklich entschieden hätte, die Kosten der Post solle der bezahlen, der sie verursacht, so hätte ihm dies kein wirtschaftlich Denkender verübeln können. Denn wer die Post nicht in Anspruch nimmt, wird sich zu Recht dagegen verwahren, daß er über sein Steuergeld das finanziert, was sein Nachbar verursacht, der täglich etwa fünf Zeitungen liest.