Die Moskauer Störsender sind nicht mehr so aktiv

Von Horst Bieber

Wenige Tage vor dem Beginn der zweiten Runde der Europäischen Sicherheitskonferenz (KSZE) geschah ein Wunder: Zum erstenmal seit dem August 1968 wurden die Kurzwellen-Sendungen der Voice of America, der BBC und der Deutschen Welle für Osteuropa von der Sowjetunion nicht mehr gestört.

Sorgfältige Messungen ergaben, daß auch die kleineren Störsender abgeschaltet hatten. Die Vermutung liegt nahe, daß die Sowjetunion hofft, dieser Schritt werde ihr als Vorleistung, auf den "Korb 3" der KSZE – menschliche Kontakte und Informationen – angerechnet. Und eine solche politische Spekulation trifft sich mit wohlbegründeten finanziellen Überlegungen.

Denn der "Äther-Krieg" zwischen Ost und West kostet einiges. Die Sowjetunion unterhält an 55 Orten innerhalb und außerhalb der Sowjetunion fast 3000 Störsender, um die unerwünschten westlichen Sendungen abzublocken. Kosten dieser Sender: 250 Millionen Dollar; die jährlichen Betriebskosten überschreiten die 100-Millionen-Dollar-Grenze – mehr, als Moskau für sein reguläres Inland-Rundfunksystem ausgibt. Trotz dieses Aufwandes sind die Störmaßnahmen ausgesprochen unzulänglich.

Die Lang- und Mittelwellen, wie sie jeder Rundfunkhörer mit seinem Radio einstellen kann, "kriechen" gleichsam an der Erdoberfläche entlang. Dabei werden sie immer schwächer, bis ein Empfang in einer gewissen Entfernung nicht mehr möglich ist. Die Kurzwellen sind zwar auch in einem bestimmten, aber nur sehr kleinen Kreis um den Sender herum mittels "Bodenwellen" zu empfangen. Ein großer Teil strahlt in Richtung Weltraum ab. Diese "Raumwelle" wird nun an der Ionosphäre, einer Ansammlung von elektrisch geladenen Teilchen zwischen 60 und 180 Kilometer Höhe, wie an einem Spiegel reflektiert und zur Erde zurückgelenkt.

Zur Störung der westlichen Kurzwellen-Sender, die in der Sowjetunion gehört werden können, kann Moskau nun auf zwei Methoden zurückgreifen: Störung mittels Bodenwelle (starke Sender dort, wo der Empfang verhindert werden soll, etwa in den Großstädten) oder Unterbrechung mittels Raumwelle – der Störsender muß vom Empfänger etwa die gleiche Entfernung haben wie der zu störende Westsender.