Von Rolf Diekhof

Seit dem Herbst 1971 regiert VW-Chef Rudolf Leiding in Wolfsburg, seit Herbst 1971 hoffen VW-Aktionäre vergebens auf den von Leiding verfrüht angekündigten „blauen Himmel über Wolfsburg“. Denn auch in diesem Jahr wird das „Ergebnis noch nicht befriedigend sein“ (Leiding), wird es im Endeffekt sogar noch schlechter als 1972 aussehen.

„Blauer Himmel“ ist auch für 1974 nicht in Sicht, obwohl mit „Scirocco“ im Frühjahr und „Blizzard“ im August zwei neue Modelle aus Leidings Baukasten auf den Markt rollen. Wie schon der „Passat“ in diesem Herbst, so werden auch die neuen „Vauwehs“ von Wolfsburg in eine unfreundliche Umwelt geschickt: Erstmals seit fünf Jahren zeichnet! sich eine Rezession für die deutsche Autoindustrie ab.

Während BMW-Chef von Kuenheim für die Hersteller von Massenautos bereits rückläufige Produktion, niedrigere Investitionen und Ertragsrückgang voraussagt, fragt sich Autoverbandsgeschäftsführer Achim Diekmann noch, „wie tief der Einschnitt wird“. Inzwischen droht den Autobussen ein weiterer Schlag: Wenn es zu Ölkrise, Benzinrationierung und Fahrverboten nach holländischem Vorbild kommt, dann wird der Autoverkauf schlagartig zurückgehen.

Doch auch ohne Ölkatastrophe spricht die Branche von Absatzkrise. Nach einem überraschenden Boom im Frühjahr sind die Neuwagenbestellungen in Deutschland stark rückläufig. Der negative Trend im Inland wurde von Monat zu Monat stärker und erreichte im Oktober ein Minus von 10 Prozent (gegenüber Oktober 1972). Gleichzeitig gehen die Neuzulassungen deutlich zurück: So im September von 150 600 (1972) auf 137 400.

Das Volkswagenwerk hatte sich im Frühjahrsboom schlecht geschlagen. Als die Händler auf die überraschende Kauflust mit Nachbestellungen in Wolfsburg reagierten, mußte das Werk passen. Nach der „Personalrationalisierung“ im vorigen Jahr fehlten plötzlich Arbeitskräfte für prompte Produktionsaus weitung.

Die Position der Wolfsburger auf dem deutschen Markt verschlechterte sich noch einmal drastisch. Der Rückgang (auf 327 000 Wagen) in den ersten neun Monaten betrug acht Prozent. Dabei hatte Volkswagen im entsprechenden Zeitraum 1972 bereits rund 15 Prozent weniger Autos in Deutschland abgesetzt. Als Leiding bei VW anfing, lag der Marktanteil bei 22 Prozent, inzwischen sind es nur noch rund 18 Prozent.