Eine Kriegsverbrecher-Collage als Vergangenheitsbewältigung

Von Hans Zielinski

Zur Einstimmung erfährt der Leser, „die Dialoge der Angeklagten, Ankläger und Richter“ seien im Original wiedergegeben. Die Figuren des Romans seien „frei erfunden. Ihre Schicksale nicht“. Diese Mitteilung ist inhaltlich falsch, denn Michael Burk hat für seine Arbeit –

Michael Burk: „Das Tribunal“; Schneekluth-Verlag, München 1973; 518 S., 30,– DM –,

die einigermaßen zutreffend als polit-literarische Collage bezeichnet werden könnte und „Menschen und ihre Schicksale in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Prozeß des International Military Tribunal 1945 bis 1946 zu Nürnberg schildern soll, einen neuen Hauptangeklagten gezeugt, einen Mann namens Friedrich Berger, beleibt wie Walter Funk, distinguiert wie Konstantin Freiherr von Neurath, intellektuell regsam und strebsam wie Hans Frank, von Mensurnarben gezeichnet wie Ernst Kaltenbrunner, ein nobler, aber serviler Mitläufer und Mittäter, zu lebenslanger Haft verurteilt, vorfristig aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis entlassen und alsbald verstorben. Ein Schemen, ein Phantom. Wessen Worte sollte es wohl „im Original“ wiedergeben?

Aber dieser fiktive Friedrich Berger hat eine Roman-Modellfrau, eine füllige, noble, blonde und sehr charakterfeste Dame, die allen Widrigkeiten zum Trotz die eheliche Treue hält; er hat einen halbwüchsigen Sohn, der um des belasteten Vaters willen verhöhnt wird, der in Abwehr der Schmähung zusammengeschlagen wird, der in Lebensgefahr schwebt, aber dann genesend einer gut gesicherten Existenz entgegengeht. Und der Angeklagte hat einen ungemein redlichen und tüchtigen Verteidiger, der manche Züge des im Großen Nürnberger Prozeß tätig gewesenen Hamburger Advokaten Walter Siemers trägt – einen Anwalt, der zugunsten seines Mandanten einen Entlastungszeugen aufbietet, einen zaudernden Edelmann, der sich selbst so schwer belastet, daß er gleich im Gerichtssaal verhaftet wird –, einen Anwalt, dem seine Twen-Tochter als Assistentin zur Seite steht, eine lichte Person, die nicht nur die lastende Kargheit des ersten Nachkriegswinters zu meistern versteht, sondern auch ihrem Vater zur rechten Zeit manch praktischen Wink aus der politischen Ethik und der Rechtsphilosophie geben kann, und die überdies, in der Begegnung mit einem frisch entlassenen deutschen Kriegsgefangenen, der auf Rache an ideologisch bornierten Menschenschindern sinnt, zeigen kann, daß sie ihr weibliches Herz auf dem rechten Fleck hat.

Kein Zweifel, der Autor hat Zuneigung zur Familie Berger und deren Gefolge. Der erdachte Friedrich Berger ist dabei zu einem nahen Verwandten jenes Kurt von Zutraven geworden, den Hans Habe schon 1955 in seinem „Off Limits“ als literarische Schöpfung vorstellte. Habe, erheblich koketter, freilich auch besser schreibend als Michael Burk, gab dem Seelentröster der Häftlingswitwe Elisabeth von Zutraven sichtbar autobiographische Züge. Henrike Berger, Friedrichs Gattin, bleibt züchtig auch indelikatesten Situationen, in die sie von einem korrupten, Lumpen, der miesesten Figur in diesem Buch, gebracht wird.