Die Aufrechnung wird schwierig

Von Lothar Ruehl

Die Konferenz ohne Namen zu Wien ist eröffnet. Mit der Spitzfindigkeit von Patentanwälten, die Abänderungen bekannter Techniken als neue Erfindungen zu beschreiben suchen, haben die Unterhändler von 19 Staaten „die Jahrhundertverhandlung“ über Truppenabbau in Mitteleuropa aufgenommen.

Nach dem Austausch der ersten Erklärungen ist die Annahme, die Verhandlungen werden Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte bis zum ersten Ergebnis brauchen, von ersten Zweifeln erschüttert. Der russische Eröffnungszug, von Parteichef Breschnjew am 26. Oktober – fünf Tage vor Konferenzbeginn – in Moskau annonciert, überraschte die westliche Diplomatie mit einem Datum: „... die Sowjetunion wäre bereit, bereits 1975 reale Schritte zu unternehmen. In nächster Zeit könnte ein konkretes Abkommen darüber geschlossen werden...“

Damit war den vereinigten Nato-Delegationen am Konferenztisch ein erstes Rätsel aufgegeben. Die westeuropäischen Verbündeten wissen spätestens seit dem Frühjahr 1972, daß die Amerikaner auf eine schnelle Vereinbarung über einen mehr oder minder ausgewogenen Abzug amerikanischer und sowjetischer Truppen aus Mitteleuropa für die erste Phase eines Reduktionsprozesses zwischen beiden Allianzen dringen.

Phasenplan der Nato

Die Nato-Staaten beschlossen kürzlich, in Etappen vorzugehen. In einer ersten Phase sollen nur die amerikanischen und sowjetischen Heerestruppen – nicht etwa auch die Luftstreitkräfte – in dem zu vereinbarenden „Reduzierungsraum“ verringert werden. Erst in einer späteren Phase würden dann auch einheimische Landstreitkräfte zu vermindern sein.