Selb ist eine Porzellanstadt – Selb wurde eine „Regenbogenstadt“ für einen Tag. Das war am 3. November, als ein Wandbild von 195 mal 18 Metern Größe mit einem Regenbogenfest „enthüllt“ wurde. Otto Piene hatte die Vorlage zu dieser Wandmalerei geschaffen, verschieden gewölbten Regenbögen an der langen Fassade eines Fabrikgebäudes der Firma Rosenthal. Voreilig wäre es, gleich zu sagen, die Kunst gäbe nur die Dekoration zu einer „miesen Arbeitsbedingung“ ab. Denn man hat in Selb zuvor, in den letzten Jahren, viele Anstrengungen unternommen, aus der Staub- und Qualmstadt eine saubere Stadt zu machen, etwas, das durch die Umstellung von Kohle auf Gas gelang; auch der große Schrecken der Porzelliner und Glasmacher, die Staublunge – nämlich durch Quarzstaub – ist gebannt; und dann hat das sogenannte Rosenthal-Modell eine Vermögensbeteiligung der Arbeitnehmer eingeführt. Also konnte man nun daran gehen, die Umwelt visuell freundlicher, also farbiger zu machen.

Für Otto Piene ist der Regenbogen seit den Zero-Jahren ein Grundthema seiner Kunst. Immer wieder hat er Regenbögen gemalt, vorgeschlagen, gedruckt, ausprobiert, ausgeführt. Sein spektakulärster Regenbogen wurde bei der Abschlußfeier der Olympischen Sommerspiele in München realisiert, fünf mit Helium gefüllte, weit sich spannende Plastikschläuche.

Der Regenbögen ist für ihn nicht nur ein visuelles, nicht nur ein geistiges und emotionales Phänomen, „sondern mehr und mehr ein physisches, ein allgemeines, universelles, das jeden angeht“. So waren in Selb die Schulklassen aufgefordert worden, Regenbögen zu machen; beim Regenbogenfest wurden dann über tausend von ihnen in Zeichnungen vorgestellt, zusammen eine Art von Lexikon der Phantasie, der Kritik und der Aufmerksamkeit von Kindern. Solche Aktivitäten helfen, milieubedingte Nachteile der Arbeiterkinder wie mangelnden Ansporn, kaum entwickelte Kreativität und dergleichen auszugleichen; Philip Rosenthal hat im übrigen für sie eine Stiftung errichtet, der nach seinem Tod die Hälfte seines Vermögens zugute kommen soll.

Zum Regenbogenfest in Selb wurden unter vielem anderen Siebdrucke Pienes im Super-Format von 200 mal 130 Zentimetern (aus der Ingolstädter Druckerei Herbert Geier, Verlag Josef Keller) vorgestellt, auch ein hervorragender Film der jungen Münchener Regisseurin Murri Seile über den Olympia-Regenbogen uraufgeführt. Die Wandmalerei selbst, der bleibende Teil des Regenbogenfestes, gibt einem Industriegebäude, das zuvor von einer bemerkenswerten Häßlichkeit war, Gliederung, Farbe und die Möglichkeit, nunmehr in die Stadt hineinzuwachsen: Ein Fremdkörper ist zu einer Attraktion geworden, zu einem Beispiel jener Umwelt-Kunst, für die Piene vor kurzem als Professor an. das MIT in Cambridge (Massachusetts) berufen wurde. Jürgen Claus