Eine intensive Reisediplomatie ist dem Waffenstillstand im Nahen Osten gefolgt. Am Dienstag begann der amerikanische Außenminister Kissinger eine Blitztour durch fünf arabische Hauptstädte, während der sowjetische Erste stellvertretende Außenminister Kusnezow in Kairo und Damaskus konferierte. Israels Ministerpräsidentin Golda Meir kam aus Washington zurück. Außenminister Eban warb in Bukarest für den israelischen Standpunkt. Auf der Gegenseite sind Bemühungen um eine arabische Gipfelkonferenz in Gang.

Kissinger hat am Dienstag Rabat und Tunis besucht und traf spät abends auf seiner wichtigsten Etappe, in Kairo, ein. Die marokkanische Regierung nannte den Besuch „äußerst wertvoll und nützlich“. Der tunesische Staatspräsident Bourgiba erklärte am selben Tag vor dem Parlament, er sei zu einem Treffen mit Golda Meir oder anderen israelischen Politikern bereit, um eine Lösung für die Nahostkrise zu. finden.

Die Beiruter Zeitung. Al Anwar will von einem Sechs-Punkte-Plan erfahren haben, den Kissinger angeblich mit sich führt. Danach schlägt die US-Regierung vor:

  • Totaler israelischer Rückzug vom Sinai, Entmilitarisierung der Halbinsel, internationale Kontrolle des Hafens Scharm el Scheich;
  • Garantie der freien Schiffahrt im Suezkanal;
  • Verbleib ganz Jerusalems unter israelischer Hoheit;
  • Grenzbegradigung in Westjordanien zugunsten Israels, das verbleibende Gebiet bis zum Jordan soll ein unabhängigen, waffenfreier Palästinenser-Staat werden;
  • Volksabstimmung im Gaza-Streifen über Anschluß an Ägypten, Jordanien oder den Palästinenser-Staat;
  • Rückgabe der Golan-Höhen an Syrien. Entmilitarisierung und Aufsicht durch die UN-Friedenstruppe.

Die marokkanische Regierung hatte erklärt, Kissinger habe keinen konkreten Friedensplan entwickelt, aber „gewisse Ideen“.

Golda Meirs Amerika-Besuch hat nicht in allen Punkten Einvernehmen mit Präsident Nixon gebracht. Vor dem Abflug gab sie zu verstehen, daß einige Fragen klarer geworden seien; andere bedürften noch der Klärung. Zu einer auch nur indirekten Kontaktaufnahme mit dem ägyptischen Außenminister Fahni, der gerade in Washington war, kam es nicht.

In Washington verlautete, daß Golda Meir auf die harte Forderung der Amerikaner zum Abzug der Israelis aus den 1967 besetzten Gebieten stieß; daß sie aber kurzfristig auch Pluspunkte verzeichnete: kein Verlangen Washingtons nach einem „Korridor“ zur eingeschlossenen 3. ägyptischen Armee oder nach einem Rückzug auf die Waffenstillstandslinie vom 22. Oktober (dem Tag der UN-Resolution), Befürwortung eines sofortigen Gefangenenaustausches.