Von Martin Gregor-Dellin

Kindheit in einem Dorfgasthof am See, Sommernächte voller Geheimnisse und Abenteuer, Klatsch, eine Mischung aus Erinnerung und dem, was man nur gehört hat und zeitlebens als Erinnerung ausgeben wird, Besuch einer Klosterschule, schließlich eine bis jetzt nicht näher erklärte Beschäftigung mit dem Ungarischen und Türkischen, die ein neues Verhältnis auch zur eigenen Sprache geschaffen hat, ein Befremden und Vertrautwerden – man muß sich dieses noch sehr ungenaue Persönlichkeitsbild der Schriftstellerin Barbara Frischmuth allmählich einprägen. Denn mit ihr wächst der deutschsprachigen Literatur wieder einmal vom Rande her eine beträchtliche Begabung zu.

Barbara Frischmuth wurde 1941 in der Steiermark geboren. Als sie zu schreiben begann, es muß um 1968 gewesen sein, schloß sie sich dem Forum Stadtpark in Graz an. Sie publizierte zunächst kurze Prosa in Salzburg, dann wurden deutsche Verleger auf sie aufmerksam. Es ist immer der gleiche Weg. Zwar wird es zunehmend schwieriger, nicht von Österreich zu sprechen, wenn von neuer Literatur die Rede ist. Aber dort werden Schriftsteller nur geboren, nicht gemacht.

Inzwischen hat Barbara Frischmuth vier schmale Bücher veröffentlicht, darunter „Die Klosterschule“ und „Tage und Jahre“, zuletzt einen Band Puppenspiele –

Barbara Frischmuth: „Die Prinzessin in der Zwirnspule“ und andere Puppenspiele für Kinder; Ellermann Verlag, München, 1973; 64 S., 6,80 DM.

in dem der Zauberer für ein bißchen Wortsalat und geraspeltes Süßholz einen immerwährenden Zwirnsfaden verspricht. Offenbar mit diesem Faden ausgestattet, kehrt die Frischmuth das, was für ihre ersten Prosabände bezeichnend und für ihr Talent (nur scheinbar) typisch war, ins Gegenteil um: Statt bruchstückhafter Durchblicke und anekdotischer Verkürzung zusammenhängendes und geradezu betörend geschmeidiges Erzählen; statt einer auf die „Unantastbarkeit der Jahre“ eingeschworenen Erinnerungsprosa ein Sturz ins exotisch Fremde; statt Wiedererkennen und déjà vu ein bohrendes Erfragen neuer Wirklichkeiten, in ihrem Buch –

Barbara Frischmuth: „Das Verschwinden des Schattens in der Sonne“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1973; 234 S., 20,– DM.