Die öffentlichen Versorgungsbetriebe klagen zunehmend über fehlende Arbeitskräfte

Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Großbritannien radikal gewandelt. 1971 trieb eine Welle von Entlassungen und Betriebsschließungen die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Im Winter wurde die empfindliche Schwelle von einer Million überschritten. Die Ziffer wirkte wie ein Stolperdraht. Die Regierung änderte ihren Kurs, verfügte Arbeitsbeschaffung und pumpte Geld in die Wirtschaft.

Zwei Jahre später ist die Arbeitslosigkeit über die Hälfte zurückgegangen. Etwa 500 000 Briten oder 2,3 Prozent der Beschäftigten sind arbeitslos gemeldet. Diese Ziffern erscheinen aus deutscher Sicht immer noch recht hoch, aber in Großbritannien sorgt man sich heute weniger über Arbeitslosigkeit als über den Mangel an Arbeitsplätzen. Nach der letzten Umfrage des Industriellen-Verbandes nennen die Betriebe Personalknappheit als den wichtigsten Faktor, der weitere Expansion behindert. Mehr als die privaten klagen indes die öffentlichen Arbeitgeber. Polizei, Verkehrsbetriebe, Krankenhäuser und Schulen jammern über personelle Unterbesetzung.

In Glasgow, der Stadt mit den meisten Bränden im ganzen Vereinigten Königreich, streikte die Feuerwehr. Nur mehr Geld, so argumentieren die lokalen Streikführer, könne die Feuerwehrleute – 200 an der Zahl – an die Pumpen und Spritzen zurückbringen. In einem Krankenhaus in Coventry wurde die Eröffnung einer psychiatrischen Abteilung verschoben, als sich statt der benötigten 83 nur elf Krankenschwestern gemeldet hatten. Die Londoner Stadtverwaltung sorgt sich um die Hygiene in der Hauptstadt, weil 179 Inspektoren im Gesundheitsamt fehlen.

Ein besonderes Problem in der Metropole sind die Verkehrsbetriebe. Auf wichtigen Strecken der U-Bahn fallen Züge in der Hauptverkehrszeit aus, der Bus-Verkehr wird immer unzuverlässiger. Die Stadt sucht 4200 Bus-Fahrer und Schaffner. Über 400 Busse können nicht eingesetzt werden, weil nicht genügend Arbeiter für Wartung und Reparatur vorhanden sind.

Die öffentlichen Dienste und Betriebe sehen in den Lohnkontrollen der Regierung den Hauptgrund für ihre Probleme. Sie fühlen sich stärker vom Einkommensamt beobachtet als die Privatwirtschaft und sehen zudem noch weniger Möglichkeiten, die Kontrollen zu unterlaufen, als die private Konkurrenz, die leichter mogeln und daher mit besseren Löhnen die Arbeitskräfte weglocken könne. Findige Arbeitgeber lassen sich zum Beispiel neue Titel und Ränge mit entsprechend höheren Löhnen und Gehältern. einfallen, um Mitarbeiter zu halten oder anzulocken,

Der Führer der Londoner Stadtverwaltung, Sir Reginald Goodwin, bedrängte Arbeitsminister Morris MacMillan, großzügigere Ausnahmen für die Hauptstadt zu gewähren. London stecke in einer Krise. Wichtige Dienste der Hauptstadt seien vor dem Zusammenbruch. Aber die Alarmrufe hatten nicht das gewünschte Echo. Der Minister will nicht noch mehr Ausnahmen dulden, als ohnehin schon in der Lohnpolitik gewährt werden. Allgemein höhere Löhne würden die Personalknappheit nicht eliminieren, sondern nur auf ein höheres Kostenniveau heben.