Von Jörg Bischoff

Stuttgart

Die Schwaben sind ein bescheidener Volksstamm geworden. Seit sich ihr Graf Eberhardt im Barte im ausgehenden Mittelalter ein Ländle zusammengehamstert hat, das sich später sogar zum Königreich eignen sollte, bestellten sie friedlich ihr Hauswesen und hielten sich – von Austerlitz bis Sedan – bei Welthändeln tunlichst zurück. Die Einsicht, daß im Nabel der Welt immer auch ein Risiko liegt, scheint bis zum heutigen Tag die Politik Baden-Württembergs zu bestimmen.

Im vergangenen Monat jedenfalls zog sich die Stuttgarter Landesregierung von einem Plan zurück, der das Land zwischen Tauber und Bodensee zeitweise auf eine Drehscheibe für den Weltluftverkehr gehievt hatte. Ähnlich wie im Erdinger Moos bei München oder in Hamburg-Kaltenkirchen sollte Baden-Württemberg einen interkontinentalen Flughafen erhalten, der das beengte Flugfeld bei Stuttgart-Echterdingen hätte ablösen können.

Was der Tübinger Landrat Klumpp, einer der kantigen Gegner des Projekts, einen „Murx, der zwei Milliarden kostet“, genannt hatte, ist jetzt ziemlich teilnahmslos in den Archiven der Landespolitik beerdigt worden. Ministerpräsident Filbinger, der sein Land sonst immer an der Spitze unter den Bundesländern sieht, verkündete in der vergangenen Woche schlicht, Baden-Württemberg brauche ganz einfach keinen Großflughafen. Seit Jahren seien es die Schwaben gewohnt, in Frankfurt, Zürich oder München Anschluß an den Duft der großen weiten Welt zu suchen. „Diese Orientierung vollzieht die Bevölkerung mit“, konstatierte der Regierungschef.

Tatsächlich fällt mit dieser Entscheidung zumindest den Anrainern am Schönbuch, dem schönsten und größten Waldgebiet des Landes, und den Leuten von Mönsheim im Gäu ein Stein vom Herzen. Denn dort, wohin sich zeitweise der Blick der Großflughafenbauer gierig gewendet hatte, waren schon die Poeten in die Abwehrschlacht gegen das Projekt einbezogen worden: „ER hat dich, du schöner Wald/aufgebaut so hoch da droben/Nicht dazu, daß mit Gewalt/Riesenbrummer darin toben“, hatte man im Schönbuch gedichtet, und in Mönsheim drohte die Sportwagenfabrik Porsche mit dem Auszug, falls die Jumbos dermaleinst dort landen sollten.

Doch mit dem Verzicht auf den „Murx“ ist das Problem einer Flughafenerweiterung in Stuttgart noch nicht vom Tisch. Die „Schafweide mit Landemöglichkeit“, wie das Echterdinger Flugfeld im Pilotenjargon heißt, ist zwar der Flughafen mit dem zweithöchsten Frachtumsatz in der Bundesrepublik, und auch den Passagieren nach rangiert er an der siebten Stelle. Inzwischen aber platzt der Hafen, eingepfercht zwischen Krautfeldern und Fildergemeinden, aus den Nähten. Eine großzügige Erweiterung ist wegen der dichten Besiedelung nicht möglich. Nicht zuletzt deshalb hatten die Bürgermeister der Flughäfengemeinden den Traum vom Großflughafen weitab von Stuttgart geträumt. Sie wollten den Flugplatz Echterdingen auf Kosten anderer Gemeinden austrocknen.

Die Landesregierung entschied sich statt dessen für einen „begrenzten Ausbau“ in Echterdingen. Die Landebahn soll verlängert, eine zusätzliche Ersatzbahn angelegt werden. Die Dörfer auf den Fildern werden mit der Zusicherung vertröstet, der Ausbau bedeute keine Erweiterung der Kapazität, sondern diene nur der Verkehrssicherheit. Doch das glauben die hartnäckigen Filderbauern nicht. Sie wittern den „Großflughafen durch die Hintertür“ und drohen der Landesregierung bereits damit, den Flugplatz mit Traktoren und Autos zu blockieren.