Von Rolf Michaelis

Das ist kein schöner Anblick, einen Seiltänzer der genauen stilistischen Eleganz stolpern zu sehen. Und es ist kein Trost, wenn man sich einredet, Günter Kunert, der seit seinem ersten Buch (1950) so viele hintersinnige Gedichte und groteske Geschichten aus Ostberlin herübergeschickt hat, falle mit seinem jüngsten Werk schließlich nur dem mickrigen Helden seiner Kriminalgroteske nach, der „in die Tiefen des Mißlingens sank“.

Oder liest man mit westlichen Augen die kleine, schwarzhumorig eingefärbte Geschichte aus Ostdeutschland falsch, die Kunert als „Märchen“ tarnt? Erweitert da vielleicht ein fintenreicher Erzähler die Grenzen des „Sozialistischen Realismus“, wenn er schon im Vorwort den „Zufall zum Prinzip“ erhebt, „die Unwahrscheinlichkeit zur Basis allen Geschehens“ macht und schon auf der ersten Seite einen „unheroischen Helden“ ankündigt? Welche Bedeutung hat für die Literatur der DDR eine Erzählung, die ihre zentrale Figur gleich doppelt und dreifach „scheitern“ läßt, dabei das Hauptmotiv des dort noch immer verpönten Kafka, mißlingende Ankunft, verfehlte Begegnung, in zwei Spiegelvariationen umspielend – und dies alles noch ironisch projiziert auf das Ringen der DDR um internationale Anerkennung?

Solche Fragen stellt die neue Arbeit des 1929 geborenen Berliners –

Günter Kunert: „Gast aus England“, Erzählung; Reihe Hanser 126, Carl Hanser Verlag, München, 1973; 157 S., 7,80 DM.

Der als Schriftsteller und Ehemann gescheiterte Hans Dieter Zürner vom Auslandslektorat des Neuen Tag Verlages in Ostberlin sitzt eines Mittags in der Kantine. Mit halbem Ohr nur hört er, was den „Kollegenmündern Unkontrolliertes entquillt“. In dem auf Sparflamme geschalteten Hirn des Bücherwurms kochen drei ungenau wahrgenommene akustische Eindrücke zusammen zu einem den ältlichen Junggesellen elektrisierenden Signal. Aus dem Mittagsplausch – „es soll jetzt eine neue, die sozialkritischen, antiimperialistischen Intentionen Shakespeares enthüllende Übersetzung von Erich Fried geben ..., der lebt in London. Habt ihr gestern abend den Kriminalfilm im Fernsehen gesehen, mit Anthony Quinn?“ – erreichen Zürner Vokabeln wie Frieden, London, Anthologie“. Die drei Wörter verklären sich zum Traumbild eines Lebenswerks, dem Zürner fortan nachstrebt: „Stimmen des Friedens. Eine Anthologie deutsch-englischer Dichtungen, herausgegeben von Hans Dieter Zurner“.

Die Aussicht auf dieses Buch, dem der Erzähler das in sozialistischen Breiten gern vernommene Lob der Gemeinschaftsarbeit spendet („ein kollektives Erzeugnis am Mittagstisch“), beflügelt Zürner zu unglaublichen Leistungen. Ein anderer Don Quijote, stürmt er zum Cheflektor, benennt einen ihm nur von englischen Verlagsprospekten bekannten Mr. Crossworth als „Ko-Herausgeber“. erreicht mit dem Hinweis auf die antiimperialistische und dem Ansehen der DDR förderliche internationale Zusammenarbeit Visum und-Devisen für England und sitzt bald schon im Flugzeug nach London.