Von Rosemary Callmann

Dortmund

Juristen und Pfarrer denken in andere Richtungen, aber vor Gericht muß das Recht obwalten“, konstatierte Erster Staatsanwalt Plett vor der III. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Dortmund – und plädierte dafür, die von Pastor Martin Schroeter angestrengte Berufung zu verwerfen.

Der um seine Rehabilitation kämpfende Kirchenmann aus der Schalom-Gemeinde in Dortmund-Scharnhorst soll 700 Mark zahlen, weil er in dem Gemeindebrief „TPZ“ – Termine, Pläne, Zwischenrufe – ein von der ZEIT formuliertes Manifest, allerdings ohne Ursprungsvermerk und ohne den Hinweis „Achtung Satire“ nachgedruckt hatte, das die Kinder dazu aufrief, Unfrieden zu stiften. In 1400 „TPZ“-Exemplaren war schwarz auf weiß nachzulesen, was manche Eltern und Amtsbrüder rot sehen ließ und heute die Justiz beschäftigt: Kinder, rottet euch zusammen! Schreit und lärmt! Verschmutzt Eingänge, Wege und Garagentore! Spielt und tobt zwischen den Anlagen! Obwohl der „Aufstand der Kinder“ ausblieb, kein Siedlungsknirps auf die Barrikaden ging, sah es der Vorsitzende Richter der Berufungskammer, Kocks, als erwiesen an, daß deutlicher und unmißverständlicher eine Aufforderung zur Begehung von Straftaten nicht formuliert werden kann“.

Um die Satire vor Gericht komplett zu machen, wurde bei der Urteilsbegründung vorsorglich die Polizei des gesamten Schutzbereichs Dortmund-Mitte alarmiert, nachdem es zuvor im Gerichtsgebäude zu tumultartigen Szenen gekommen war: Wachtmeister setzten den Gummiknüppel ein, als die über hundert Schroeter-Anhänger in den viel zu kleinen Gerichtssaal drängten. Die Zeugenbänke wurden erst freigegeben, als es zu einem „Sit-in“ vor der verriegelten Gerichtstür kam und „Klassenjustiz“-Rufe durch die Korridore gellten.

Wie bereits in der ersten Instanz, war der Gerichtssaal an den zwei Verhandlungstagen ein gesellschaftspolitisches Tribunal, das der Kinderfreund im Talar zu scharfer Kritik nutzte. Auf 23 Seiten hatte er die Mißstände in der Siedlung Scharnhorst zusammengetragen, Mißstände, die er in einem einstündigen Plädoyer vortrug. „Wie sollen zwei Erwachsene und sechs Kinder auf 86 qm leben, ohne daß es zu Konflikten kommt? Da wird zuerst befohlen, dann gedroht und schließlich geschlagen.“ Tagtäglich erlebe er, wie in dem Arbeiterviertel Scharnhorst Gewalt produziert werde. Mit juristischem Rüstzeug sei dieser Wirklichkeit nicht beizukommen. Denn es gebe nur ein Recht, „und das ist das Lebensrecht“. In dem in der ZEIT publizierten Kindermanifest habe er die Möglichkeit gesehen, einen Denkanstoß zu geben, um die trostlosen Spielplatzbedingungen in Scharnhorst anzuprangern.

Mit aller Schärfe konterte Schroeter die Einwände von Staatsanwalt und Gericht, daß vielleicht Akademiker, nicht aber Leute vom Schlage eines „Kumpel Anton“ das persiflierende Element des provokatorischen Beitrages hätten, erkennen können: „Die Scharnhorster Hausfrauen und die Hoesch-Arbeiter haben ein direktes Verhältnis zur Wirklichkeit“, klärte Schroeter das Gericht auf. Das zeige sich daran, daß vor allem die Gebildeten den Text sofort als Aufruf zum Terror verstanden hätten, während die einfachen Leute erst einmal nachfragten: „Herr Pastor, so ist das doch nicht gemeint?“