Bremen

Um ein Haar wäre der Halbzeitparteitag der Bremer SPD erstickt. Vorausgegangene Flügelkämpfe verstörten sonst diskutierfreudige Genossen. Der Streit um spontane Streiks, um Aktionen mit Kommunisten, um Jagd auf Linke, Zorn auf Rechte, um List und Listen, um Gerüchte und Sanktionen hatte die Delegierten unter eine Glasglocke getrieben. „Keine Schau vor der Öffentlichkeit“, war die Flüsterparole angesichts des Journalisten-Aufgebots. Nur Routiniers schritten ans Pult: Regierungschef Koschnick und Fraktionschef Franke vor allem. Nach ihren Referaten, die ihre Herrim-Haus-Standpunkte fixierten und Partei samt Jusos in die Schranken verwiesen, rührte sich beim Programmpunkt „Aussprache“ keine Hand. Parteichef Scherf, der junge Mann zwischen den Fronten, war leiser und kürzer, aber auch über ihn und seine Absage an jeden Hauch von imperativem Mandat wollte niemand diskutieren.

Danach ging es um Berge von Anträgen, auch um gut gemeinte, aber unausgegorene („Eine Neuausweisung von Industrie- und Gewerbeflächen findet nicht statt“), und mancher Amtsträger machte aus seiner Verachtung über derartige Aktivitäten der Basis keinen Hehl. Das war die Stunde für den Delegierten Thomas von der Vring: Er stürmte nach oben, beantragte „Nichtbefassung“ mit diesen Anträgen und schützte so die Freunde ohne Rang und Namen vor dem Hohne der Funktionäre. Denen las er kräftig die Leviten: „Keiner von uns hat Anlaß, dem andern den Hintern zu verhauen, in vieler Beziehung sind wir alle, gleich ratlos und auf der Suche nach Lösungen.“ Damit fegten von der Vring der schweigsamen Minderheit den Weg frei.

Sie machte ihre Sache recht gut. Eine vernünftig formulierte Absage an Aktionseinheiten mit den Kommunisten kam glatt (mit den Stimmen der Jusos) durch, ebenso ein unsinnig wirkender Antrag der Bremerhavener, die sich wild auf die „Jusos eingeschossen haben. Radio-Bremen-Intendant Klaus Bölling bekam Rückenstärkung: Ein Antrag, der auf eine Kollegialleitung des Senders abzielte, wurde mit großer Mehrheit verworfen.

Der Zehn-Stunden-Parteitag geriet provinziell. Vom großen Atem einer Zwischenbilanz nach zwei Jahren Alleinregieren der SPD in der sozialdemokratischen Hochburg Bremen war wenig zu spüren. Die Jungsozialisten und ihre Freunde schlugen sich überzeugender als manche ihrer Gegner. Die SPD in Bremen hat gescheite und maßvolle junge Leute, um die sie anderswo beneidet wird. Ihnen mit dünkelhafter Verachtung zu begegnen oder sie pauschal in die Chaotenecke zu manövrieren – wie es zwei Jahre lang immer wieder geschah –, erscheint töricht. Lilo Weinsheimer