Meint Moskau es ernst?

Von Joachim Schwelien

Militärische Entspannung ist die Konsequenz politischer Entspannung. Die Konsolidierung des territorialen Status quo in Mitteleuropa und der Verzicht auf Gewalt in den zwischenstaatlichen Beziehungen haben es möglich gemacht, daß jetzt über die Reduzierung von Streitkräften und Rüstungen gesprochen werden kann. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist freilich ebenso klar: Die Verhandlungen sind vor allem deswegen möglich geworden, weil beide Seiten mit erheblichen Kraftanstrengungen Streitkräfte aufgebaut und erhalten haben, die in Mitteleuropa ein annäherndes militärisches – Gleichgewicht schufen. Eine wirkliche Kriegsgefahr mit originär europäischen Ursachen hat es daher seit zwanzig Jahren nicht mehr gegeben. Verläßliche und annehmbare Ergebnisse werden auch in Wien nur herausschauen, wenn die eiserne Faustregel aller Abrüstungsverhandlungen beachtet wird: Das Gleichgewicht der Kräfte darf sich dadurch nicht oder nicht wesentlich ändern.

Die Suche nach einer entsprechenden Formel gleicht freilich der Quadratur des Kreises. Der aktuelle Rüstungsstand allein ist für ein bestimmtes Kräfteverhältnis zwischen Bündnisgruppen nicht entscheidend; das wirtschaftliche Potential, das Mobilisierungstempo, wissenschaftlich-technische Fähigkeiten, der Raum, die Festigkeit der Allianzen, ungezählte andere psychologische und politische Faktoren beeinflussen es ebenso. Die Komplikationen liegen denn jetzt auch vor allem darin, den gegenwärtigen Rüstungsstand schrittweise zu senken, ohne daß eine Seite dabei in eine prekäre Situation gerät.

Dabei darf der Reduzierungsraum (Polen, Tschechoslowakei, DDR, Bundesrepublik, Belgien und Holland) nicht völlig losgelöst vom Gesamtgebiet des Warschauer Paktes und der Nato betrachtet werden. Werden diese Gesamtgebiete verglichen, ergibt sich überraschend eine zahlenmäßige Überlegenheit der Nato-Mitgliedstaaten an Mannschaftsstärken und nur eine geringe numerische Überlegenheit des Warschauer Paktes an Flugzeugen und Panzern. Werden dagegen ausschließlich die mitteleuropäischen Stationierungsräume aufgerechnet, verfügt das Ostblockbündnis in allen Rüstungskategorien über einen quantitativen Vorsprung vor der westlichen Allianz.

Der Anteil der sowjetischen Truppen im eventuellen Reduzierungsbereich beträgt allerdings 52 Prozent der dortigen Gesamtstärke; der Anteil der amerikanischen und kanadischen Einheiten an der Gesamtstärke im westlichen Reduzierungsraum beläuft sich auf nur 19 Prozent.