Von Hans-Dieter Seidel

Die Parole, überraschend ausgegeben am Feiertag Allerheiligen, war kurz und sachlich: „Die für den 3. November 1973 vorgesehene Premiere ‚Der Vampir von St. Petersburg‘ in der Inszenierung von Alfred Kirchner im Kleinen Haus der Württembergischen Staatstheater findet nicht statt. Die Inszenierung wird auf Wunsch des Regisseurs auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben.“ Bei solch tapferer Lakonik sucht seine Zuflucht, wer sich um keinen Preis mehr eine Blöße geben will. Man könnte es auch die entschlossene Flucht nach vorn nennen. Oder, mit den Worten des Regisseurs: „Ich habe mir diesen Rest von Freiheit vorbehalten. Im Moment kann ich meine Inszenierung nicht verantworten.“

Nun wäre eine, wenn auch nach sechs Probewochen denkbar spät und knapp abgesagte Premiere für Kritiker und andere professionelle Beobachter noch kein Grund, mit einem beinahe gewaltigeren Aufwand an Druckzeilen und Sendeminuten zu reagieren als nach der mehr konventionellen Methode einer Bühne, sich dramatisch zu gebärden. Erinnert sei beispielsweise an Peter Zadeks gelassen hingenommenen Entschluß, im Bochumer Schauspiel zu Beginn dieser Saison kurzfristig auf Christopher Hamptons „Wilde“ zu verzichten, um die sich Istvan Body als Regisseur offenbar erfolglos bemüht hatte. Warum den Reaktionen in der württembergischen Landeshauptstadt diese Gelassenheit fehlte, ist freilich leicht zu erklären: Der Rückzug Alfred Kirchners in die gewissenhafte Selbstkontrolle erfolgte zu einem Zeitpunkt, da das Stuttgarter Staatsschauspiel mit dem gespanntesten Interesse der Öffentlichkeit rechnen mußte, und er markiert die vorläufig höchste Zacke einer fiebrigen Entwicklung, für welche die Medizin nur das Wort Krise kennt und in die das einzig überregional erwähnenswerte Schauspiel dieser an Theatern armen Großstadt unversehens, aber nicht unverschuldet schlitterte. Nach zwei maßlos verunglückten Produktionen zum Spielzeitbeginn geriet die Arbeit des Stuttgarter Oberspielleiters Kirchner zu einer Bewährungsprobe, deren Druck auf den nervös gemachten Regisseur unmenschlich geworden sein muß.

Der Prüfstein, über den Kirchner sich plötzlich nicht mehr zu stolpern traute, war eine Farce des hierzulande kaum bekannten Russen Aleksandr Suchovo-Kobylin, eine grell pointierende Satire unter dem allzeit gültigen Motto „homo homini lupus“. Die Uraufführung der deutschen Bearbeitung von Hans Magnus Enzensberger sollte dem Staatsschauspiel endlich wieder einmal überregionale Aufmerksamkeit sichern. Kirchners Vorsicht nimmt daher nicht wunder. Der Stoff ist tückisch. Kirchner selbst spricht von der „Trivialmasse, die sehr schwer zu transportieren und dem Publikum zu vermitteln? sei und denkt dabei vornehmlich an die zahlreichen Verkleidungsszenen, an ein vordergründig gründlich mißzuverstehendes Versteckspiel. Eine Inszenierung müßte, wollte sie gelingen, den Balanceakt wagen auf dem schmalen Grat zwischen satirischer Überspitzung und ausgelassenem Schwank, zwischen Turbulenz und Klamauk. Ein Ausgleiten könnte tödlich enden, und an derlei Unfällen ist in Stuttgart augenblicklich kein weiterer Bedarf.

Sie nämlich, beziehungsweise deren Regelmäßigkeit, führten sachte, doch stetig in die Krise. Die äußeren Stationen sind rasch rekapituliert. Mit der Zertrümmerung des Mythos vom erotischen Vielfraß Don Juan begann es. Friedrich Beyer, der neben Kirchner zweite fest ans Staatsschauspiel gebundene Regisseur, nahm dabei den bilderstürmenden Furor so ernst, daß sein geistiger Dauerpurzelbaum weit über Molière hinausschoß. Im Bestreben, kraft eigenen Willens das theatralische Ereignis herbeizuzwingen, und wohl, um zu beweisen, daß er sich etwas gedacht habe, überfrachtete Beyer seine Inszenierung dermaßen mit Bedeutung, daß auch das aufs Mitdenken versessene Publikum sich verzweifelt fragte, was er sich denn dabei gedacht habe – und schließlich heftig protestierte.

Der merkwürdig auf Lustbarkeiten sich konzentrierende Spielplan sah daraufhin Feydeaus Farce „Einer muß der Dumme sein“ vor. Doch statt den verunsicherten Theatermachern ein Atemholen zu gönnen, bescherte dieser Griff nach dem Bewährten, scheinbar Unproblematischen neuerliche Aufregungen. Ausgerechnet ein französischer Gastregisseur, Jean Launay, fühlte sich berufen, mit deutscher Gründlichkeit Feydeaus unbedarftem Text und der Mechanik der Dramaturgie auf den Grund zu gehen. Unüberbietbar stumpf und lahm, wuchs sich die Premiere zur Katastrophe aus, die zudem der Kampf an der Zwischenruferfront an den Rand des Abbruchs steuerte. Das laut geäußerte Mißfallen einzelner provozierte nämlich laut geäußertes Mißfallen vieler an eben diesem Mißfallen einzelner, womit kurzzeitig der Tumult unter den Zuschauern das Chaos auf der Bühne noch überbot.

Tatsächliche und vielleicht nur eingebildete Anfeindungen und Beschuldigungen innerhalb des Theaters sollte eine eilig einberufene Vollversammlung ausräumen. Was offiziell nach außen drang, gab sich die Haltung entschlossener Einmütigkeit. Alles blickte gebannt auf den „Vampir“ wie auf einen Erlöser. Da platzte etwa fünfzig Stunden vor der Premiere das Theater mit seiner Absetzung heraus.