Von Werner Burkhardt

In der Philharmonie, mitten unter Musikern, Photographen und Kameraleuten, Fernsehgewaltigen und Neugierigen hockte, auf einem Orgelbänkchen, George Gruntz, seit Joachim Ernst Berendts Rücktritt der neue Leiter der Berliner Jazztage. „Beim Towner möchte ich gern noch dabei sein“, sagte er zu mir, „das ist ungeheuer wichtig, weil er ganz allein, ohne Rhythmusgruppe und ohne Verstärker spielt. Da muß ich aufpassen, daß der Sound stimmt – dann können wir miteinander reden.“

Während die Techniker damit beschäftigt waren, die Mikrophone aufzustellen, erzählte Gruntz, selber ein Jazzmusiker und einer der interessantesten, wie er Towner, der „lange ein Geheimtip gewesen“ sei, aufgespürt habe. Das war vor ein paar Monaten, als er einer Schallplatte wegen in New York war und bei seinem Kollegen Joe Zawinul das Stück „The Moore“ von der Platte „I Sing The Body Electric“ hörte, die gerade von dessen Gruppe „Weather Report“ herausgekommen war. Und der Gitarrist, der da die Einleitung spielt, war Ralph Towner, ein damals noch wenig bekannter Mann. „George Wein, der amerikanische Partner unserer Berliner Jazztage, hatte den Namen noch nie gehört“, sagte Gruntz. „Aber dann, während des Newport Festivals in Manhattan, ist Towner bei einer Veranstaltung in der Radio City Hall aufgetreten. Stell dir das vor: Sechstausend Leute und eine Gitarre. Er hat sie alle in die Tasche gesteckt, morgens um eins.“

Wir zogen uns dann an einen ruhigen Ort zurück, nicht in Karajans Suite, sondern in die Garderobe eines Konzertmeisters. Nur wenige wissen, von wem man den Schlüssel kriegen kann; die wenigen schätzen diesen Ort der Stille.

Das Stichwort George Wein war gefallen, und ich nutzte die Gelegenheit, den unerquicklichen Teil des Gespräches schnell hinter mich zu bringen. Denn immer wieder und überall wird gemunkelt, daß dieser allgewaltige amerikanische Impresario, so nützlich er für die Berliner Jazztage sein mag, auch recht diktatorisch und nicht eben selbstlos auf die Programmgestaltung Einfluß nehme. Auch in diesem Jahr wieder, so war zu hören, habe er sein Monopol als Herrscher über ein Künstlerimperium ausgenutzt mit dem Trick: „Willst du meinen X haben, mußt du aber auch meinen Y nehmen.“ Dem deutschen Partner bliebe da nur noch übrig, was jahrzehntelang Arbeit des Dramaturgen war, wenn Fräulein Z sich höheren Ortes eine Rolle erlistet hat: im Programmheft weltanschaulich zu motivieren, warum es so ist, wie es ist.

„Davon kann überhaupt nicht die Rede sein“, entgegnete George Gruntz, und in seinen klaren Augen war kein Arg. „Ohne Weins finanzielle Unterstützung könnte ich die meisten, oft eben sehr teuren Attraktionen nicht präsentieren, jedenfalls nicht für ein Konzert. Da müssen die Termine schon so gelegt werden, daß sie Teil einer Tournee sind. Aber Berlin bleibt das zentrale Fest. Praktisch sieht das nun so aus, daß ich mich gleich morgen, hier noch in Berlin, mit George Wein zusammensetze und ihm meinen Wunschzettel für nächstes Jahr vorlege. Dann werden wir sehen, was er beschaffen kann.“

Von Geheimniskrämerei hält er nichts, dieser so urbane Schweizer mit dem Jungensgesicht unter grauem Haarschopf. Ohne sich zu zieren, packte er seine Pläne vor mir aus und fügte nur gewinnend sachlich und vernünftig hinzu: „Das ist mit Vorsicht zu genießen. Ein Jahr ist unheimlich