Natürlich kann man sich über die Notwendigkeit von Sportfilmtagen streiten. Als man diese Spezialschau 1968 in Oberhausen zum ersten Male organisierte, gab es verschiedene Gründe, die dagegen sprachen: Das waren abgrundtiefes Mißtrauen der Sportfunktionäre vor den Cineasten, ein gutes Maß Hochmut der Cineasten vor den Sportsleuten, die Meinungsverschiedenheiten über das, was ein Sportfilm eigentlich ist oder sein sollte, schließlich noch die Frage – warum dann nicht auch Heimat-, Wildwest-, Krimi- oder Pornofestivals?

Jene Skepsis ist inzwischen gewichen. Man ist sich darüber im klaren, daß Sportfilme nicht nur abgefilmter Sport sein können. Es gilt gesellschaftliche, soziale – eben politische Zusammenhänge zu verdeutlichen, die in einem so vordergründigen Wesen, wie es Sport ist, bildlich auch leichter zu erfassen sind, als in anderen Gebieten des Lebens. Das birgt selbstverständlich die Gefahr, daß ein großer Teil der Sportfilme im guten Sinne gar keine Sportfilme sind, sondern lediglich Filme, in denen der Sport als Metapher zur Erläuterung allgemeingültiger Probleme herangezogen wird. In Literatur- oder Zeitungssprache findet sich dieses Phänomen tagtäglich: Das geht vom „Tauziehen am Sinai“ bis zum „Schattenboxen in der Währungskrise“.

Das beste, kürzeste und deshalb einprägsamste Beispiel dieser Art lieferte bei den „Sportfilmtagen ’73“ in Oberhausen der 90-Sekunden-Zeichentrick-Streifen „Black Power“ des in der Bundesrepublik lebenden Jugoslawen Borislav Sajtinac, produziert von dem Essener Kritiker und Filmemacher Michael Lentz. Die Story: Ein schwergewichtiger weißer Boxer haut einem ebenso schwergewichtigen, aber technisch unterlegenem schwarzen eine Runde lang furchtbar die Hucke voll und bricht dann nach dem Pausengong völlig entkräftet zusammen – der Film endet im diabolischen Gelächter des Schwarzen.

Weit über 400 Filme, waren eingesandt worden. 72 aus 21 Ländern ließ die Auswahlkommission schließlich der internationalen Jury zur Bewertung vorspielen. Rückblickend kann man sagen, daß das Boxen, seine Stars und sein Milieu sich wohl am meisten zur kritischen Perspektive anbieten – eine nicht eben neue Erkenntnis. Unter den zwölf ausgezeichneten Kino- und Fernsehfilmen (zwei große Preise und zehn Hauptpreise) behandeln allein vier dieses Thema. Neben dem bereits angesprochenen „Black Power“ noch die „Unheile Welt des farbigen Charly Graf aus Mannheim“, dann eine Reportage aus Holland über Muhammed Ali alias Cassius Clay, sowie die USA-Produktion „Trade“, die eher wegen ihrer brillanten Bilder als wegen der doch allzu hintergründigen Kritik am Sklavenmarkt einer amerikanischen Boxschule einen der beiden großen Preise erhielt. Der zweite große Preis ging nach Polen für „Schlußwagen“, einer Reportage um den letzten der Friedensfahrt der Radfahrer.

Bemerkenswert bleibt die Tatsache, daß nur ein Streifen als Spielfilm („Barabas“ aus Polen) verstanden sein wollte. Genauso bemerkenswert. aber auch, daß in der Bundesrepublik das, was man Sportfilm nennen kann, ausschließlich von den Fernsehanstalten produziert wird. Als das am meisten bedrückende Beispiel mag die durch harte Schnitte zur Wirkung gelangte Kollage der ZDF-Männer Bruno Meyer und Hans-Jürgen Usko, „Glanz und Elend der Spiele“ zu werten sein. Sie beweist allerdings, daß man auch in der aktuellen Berichterstattung – der Streifen wurde in drei Tagen aus vorrätigem Material zusammengeschnitten und getextet, vor der Schlußfeier von München ausgestrahlt und stellt Eröffnungsfeier und Araber-Überfall gegeneinander – Qualität liefern kann. Das gleiche gelang manchen Lehrfilmen, die statt langweilig dramatisch gemacht waren. Ulrich Kaiser