Im Brennpunkt

Nahost-Krise

Größte Weltkrise seit Kuba oder Überreaktion Nixons?

Von Karl-Heinz Janßen

In Europa krochen gerade die ersten Bürger aus den Federn. Jenseits des Atlantik war Mitternacht. Im Westflügel des Weißen Hauses brannten noch die Lichter. Der Nationale Sicherheitsrat tagte dort im Lageraum. Der Präsident hielt sich in den oberen Gemächern auf und erkundigte sich von Zeit zu Zeit telephonisch nach dem Stand der Dinge. Die Entscheidung fiel in den ersten Minuten des neuen Tages. Um 00.10 Washingtoner Ortszeit am Donnerstag, dem 25. Oktober 1973, begann im Kriegszimmer des Pentagon der Fernschreiber zu ticken: „All commands. Assume Def Con Three...“ („An alle Befehlshaber. Alarmstufe drei.“)

Der Befehl, unterzeichnet von Verteidigungsminister James R. Schlesinger, erging an alle amerikanischen Garnisonen in den Vereinigten Staaten, in Panama und Übersee. Alarmiert wurde auch die gesamte Atomstreitmacht. Siebzig B-52-Bomber auf der Pazifikinsel Guam wurden in die Heimat zurückbeordert, um sich dort für Atombombeneinsätze bereitzuhalten. In Fort Bragg in Nordkarolina packten die GIs der 82. Luftlandedivision ihre Fallschirme. Im hessischen Friedberg rückte das erste Bataillon des 36. US-Infanterieregiments in vorbereitete Stellungen nahe der Zonengrenze.

Der Schatten des Atomkrieges fiel über die Welt. „Dies war die schwerste Krise seit Kuba“, erklärte Präsident Nixon zwei Tage später. Und sein Stabschef, der ehemalige General Haig, echote, „eine große potentielle Gefahr für den Weltfrieden und das amerikanische Volk“ sei abgewehrt worden.