Wenigstens auf Sekunden erschien vor dem geistigen Auge der Teilnehmer sogar Peter der Große mit seinem Unternehmungsgeist und seiner Aufgeschlossenheit gen Westen: So weit griff man gelegentlich zurück, so sehr versuchten einige Sowjetologen, die in der vorigen Woche im Salzburger Schloß Leopoldskron über aktuelle Probleme diskutierten, ihre Thesen historisch zu begründen und abzusichern. Und es gab da tatsächlich einiges an Vorstellungen zu korrigieren und zu ergänzen. Wer etwa die Quäker nur unter dem Aspekt ihrer religiösen Profilierung und ihrer Liebesgaben in Notzeiten gesehen hatte, mag überrascht gewesen sein, daß sie, auf freundschaftliche Beziehungen zwischen den Völkern erpicht, schon vor dreihundert Jahren Verbindung mit Rußland, aufzunehmen versuchten. Denn schon im Jahre 1656 schrieb George Fox, der Begründer des Quäkertums, einen – nur in einem ganz kleinen Bruchstück erhaltenen – Brief an Alexej I., den zweiten Zar aus dem Hause Romanow.

Im übrigen war in Salzburg von Historie kaum die Rede. Die Initiative des Kongresses ging von Washington aus, von der U. S. Information Agency (Abraham Brumberg), und von der Indiana University in Bloomington, und das Thema lautete: „Rußland und der Westen: kulturelle Kontakte und Einflüsse.“ Und gemeint war nicht zuletzt die Frage, ob man die Beziehungen künftig verbessern könne. Washington hatte fünf Dutzend Sowjetologen aus dreizehn Ländern der westlichen Welt (nicht nur unter zahlenmäßiger Führung der USA) zu einem fünftägigen Symposion eingeladen.

So sehr auch die Ansatzpunkte und die Themen im einzelnen (akademischer Austausch, Wissenschaft und Technologie, Bildende Kunst und Literatur, Presse und Rundfunk, Filmaustausch und anderes mehr) differierten – wo sich die Argumentation auf die Frage der Verbesserung der Beziehungen hin zuspitzte, da gab es wesensverwandte Einstellungen: Zurückhaltung, Skepsis, Resignation. Wolfgang Kasack, einer der führenden deutschen Slawisten, Professor in Köln, gab sogar seiner Verbitterung etwa so Ausdruck: „Kulturpolitik, von der Sowjetunion aus gesehen, besteht nicht in geistiger Annäherung, sondern lediglich in der kompromißlosen Verbreitung orthodoxer Ansichten. Die Union sucht nicht Gegenseitigkeit, sondern allein die Anerkennung des sowjetischen Standpunkts.“ Robert F. Byrnes, prominenter Geschichtsprofessor der Indiana University, war gleichfalls nicht optimistisch: „Akademischer Austausch mit der Sowjetunion, wie er gegenwärtig durchgeführt wird, ist unbefriedigend, aber unter den erreichbaren Austauscharten die am meisten befriedigende.“ Dann allerdings erschien bei ihm ein Satz, der zwar nur eine Möglichkeit bezeichnet, zugleich aber eine neue Perspektive eröffnet: „Wenn wir den akademischen und kulturellen Austausch allgemein steigern können, dann können, wir vielleicht die gegenwärtigen Feindseligkeiten und Spannungen verwandeln in einen Ideen Wettstreit auf friedlichem Gebiet, einen Wettstreit, für den wir besonders gut ausgerüstet sind und von dem alle Völker profitieren werden, wenn auch nicht gerade das sowjetische System.“

Unter den Referenten von Leopoldskron (dem Schloß, das einstmals Max Reinhardt gehörte) fiel ein fünfundvierzigjähriger Mann (zunächst nicht) auf. In den ersten zwei, drei Tagen war er schweigsam, zurückhaltend, schaute manchmal griesgrämig-melancholisch drein und wirkte eigentlich unbedarft (flüchtige Impressionen täuschen halt). Es war der auch in Deutschland vielgespielte amerikanische Dramatiker Edward Albee („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“), kein Sowjetologe eigentlich, ein Außenseiter vielmehr, der aber Erfahrungen mit der Sowjetunion hat. Einige seiner Studie, so die „Winzige Alice“, sind in Moskau gespielt worden. Albee schilderte mit rhetorischem Talent die neuerliche Begegnung mit sowjetischen Journalisten, die ihn in den USA interviewten. Von den russischen Gesprächspartnern gefragt, was er von dem kulturellen Austauschprogramm halte, habe er erklärt, das sei schwer zu sagen, denn es sei weder kulturell noch ein Austausch.

Und dann formulierte Albee wortgewandt einige Angriffe gegen die Sowjetunion wie kein anderer. Das Boljschoj balet, sagte er, zieht tanzend in die Herzen der Zuschauer ein, während Amaljrik erneut zu drei Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wird. Und der giftigste Satz der ganzen Tagung: „Schostakowitsch erhält die Doktorwürde ehrenhalber an einer amerikanischen Universität im mittleren Westen, und dann kehrt er heim und denunziert Sacharow.“ Wieso Austausch? meint er. Es handelt sich vielmehr um wechselseitige Masturbation.

Albee ist sogar äußerst skeptisch, was die sowjetische Berichterstattung betrifft, höhnisch meint er, er sei sicher, daß in dem Interview, so wie es in dem Moskauer Magazin gedruckt wird (oder wurde?), stehen werde, daß er das kulturelle Austauschprogramm „absolut wunderschön“ finde.

Es erhebt sich hier natürlich die Frage, warum ein Autor, der so rasant-abfällige Bemerkungen macht, es überhaupt zuläßt, daß seine Stücke in Kreml-Nähe gespielt werden. Mit Harold Pinter, der nach Albees Versicherung sehr betrübt war, nicht nach Leopoldskron eingeladen worden zu sein, hat der Amerikaner sich über dieses Problem unterhalten, an Hand des Beispiels auch Südafrikas, Griechenlands, Spaniens. Ein Land, das die Mehrheit seiner Bewohner in so erschreckender Weise behandelt, verdiene doch nicht, an der zeitgenössischen Kunst (aesthetic) teilzuhaben. Aber bestraft man denn ein Volk wegen seiner Regierung? Doch nur dann, wenn dieses Volk die Regierung durch Wahlen bestätigt.