ZDF, Donnerstag, 1. November: „Im Angesicht des Todes“, von Hellmut Andics

Zu Allerheiligen bedeutsam deklamierter Schwulst, das muß wohl so sein. Ein würdiger Gegenstand für das ZDF-Dokumentarspiel: Leben und Leiden des Jesuitenpaters Alfred Delp, der zum sogenannten Kreisauer Kreis gehörte, den 20. Juli 1944 vorbereiten half und im Februar 1945 hingerichtet wurde.

Im kargen Studio eine Gruppe ernst dreinblickender Menschen, darunter plötzlich Eugen Gerstenmaier und ein Pater, den man aus dem „Wort zum Sonntag“ kennt. Interviews, auch mit diesen beiden. Ist das ein abgefaßter Dialog oder Improvisation, wer ist Schauspieler, wer echt, wer ist welche Rolle? Man blättert in der Programm-Zeitschrift.

Nach einer halben Stunde ist das Prinzip klar: die Schauspieler befragen Sachkundige und historische Zeugen. Neue Verwirrung: Sie sind mal Rolle, mal Interviewer, dann Dolmetscher, dann eine andere Rolle; manche Rollen sind, entsprechend gealtert natürlich, auch in natura da, Schauspieler sind hintereinander mal die, mal jene Rolle, manchmal verrät es ein Insert, das aber zeigt auch mal den bürgerlichen Namen des Schauspielers an.

Damit der Zuschauer sich in all dem Wirrwarr nicht ganz aufs Rätselraten zurückzog und das Dokumentarspiel auch dokumentierte, wurde zwischendurch immer wieder einmal die These der Todesbereitschaft für eine (politische) Idee durch Filmeinspielungen belegt: Goebbels, Freisler und Hitler mit Originalton, Erster und Zweiter Weltkrieg, die Attentate auf die Kennedys und Martin Luther King, japanische Terroristen in Israel, arabische Terroristen im Olympiadorf, Baader-Meinhof, Stalingrad, Kamikazeflieger, Hinrichtungen. Alles, was so richtig schlimm ist.

Das Durcheinander lenkte angenehm ab vom Text: dem bemühten Tiefgang von Schulfunk-Dialogen, Kalendersprüchen im Feiertagspathos wie „Gegen geballte Fäuste gibt es keine Vernunft“. Die mangelnde Transparenz der Handlung und ihrer Intentionen wurde durch die des „Mediums“ ersetzt: wieder einmal Kameras, Scheinwerfer und Mikrophone als Dekor, wieder einmal die doppelte Vernebelung unter dem einfältigen Vorwand, das Medium zeige vor, wie es arbeite. Wer treibt den Fernsehregisseuren endlich diesen dümmsten aller Ticks und Tricks aus?

Am echtesten und glaubhaftesten in dem Verwirrspiel waren die Zeugen. Gerstenmaier über die Kreisauer: „Unser Beitrag war ein denkerischer.“ Ein amerikanischer Soldat: Ja, er sei bereit, für sein Vaterland zu sterben, das sei er ihm schuldig. Ein knackiger alter General: Die Millionen von Toten des Ersten Weltkriegs seien, religiös betrachtet, „von Gott gewollt“ gewesen; „das hatte einen tiefen Sinn, der uns Menschen verborgen bleiben muß“. Diskutiert, aufgegriffen oder gar widerlegt wurden diese „echten“ Sätze nicht.

Sollte man Dokumentarspiele dieser Art nicht lassen, sind sie nicht immer ein unredliches Spiel mit Fiktion und Realität? Der Chef der ZDF-Hauptabteilung, Jürgen Neven-du Mont, wird künftig dafür bezahlt, daß er bitte nicht mehr seines bisherigen Amtes walte. Das aber bleibt, und die glücklose Abteilung Dokumentarspiel auch. Als nächster wird Georg Stefan Troller als Drehbuchautor eine Ehrenrettung des Zwitter-Genres versuchen: Am 30. November läuft das Stück „Ein junger Mann aus dem Innviertel – Adolf Hitler“ (Regie Axel Corti). Gedreht „an den Originalschauplätzen“, wird die Zeit von 1903 bis 1914 durch Interviews mit dem Vormund, Mitschülern und dem „Jugendschwarm“ Hitlers porträtiert. „Spiel und Dokument“, freut sich das ZDF, „wurde so eins.“ Aber das ist ja das Elend – vom nie gesendeten Lebach-Film bis zu „heute“. Wolf Donner