Der Kurssturz in Wallstreet zeigt: die Angst vor einer Energielücke macht die Wirtschaft nervös

Das konjunkturpolitische Klima verändert sich rasch. Obwohl die statistischen Daten immer noch „weiteren Aufschwung“ signalisieren, wächst die Zahl der Pessimisten. Bonn hat denn auch dem Stimmungswandel schon Rechnung getragen: Ungeachtet der beständig vorgetragenen Stabilitätsbeteuerungen steht in einigen Sektoren der Wirtschaft ein Ankurbelungsprogramm unmittelbar bevor (siehe Bericht Seite 45 „Bonner Bremser werden nervös“).

Was Daten eben nicht zeigen können, ist der psychologische Umschwung. Vor allem die Drosselung der arabischen Öllieferungen hat dazu geführt, daß die Konjunkturaussichten für das kommende Jahr wesentlich skeptischer beurteilt werden als noch vor wenigen Wochen. Die Londoner Wirtschaftszeitschrift Economist hat eine „erhebliche Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums“ für die nächsten sechs Jahre vorausgesagt.

Die Konjunkturexperten in den verschiedenen Ländern sind schon dabei, ihre Prognosen für 1974 zu revidieren. Für Westeuropa wird eine Verminderung des Wachstumstempos um ein Prozent – im Durchchnitt 3,5 statt 4,5 Prozent – einkalkuliert. Pessimistischer ist man in den USA: Am 9. November erlebte Wall Street den schärfsten Kursrückgang seit der Kuba-Krise 1962.

Ausgelöst wurde die Börsenbaisse durch eine Analyse des Wall Street Journals, Amerikas angesehenste Wirtschaftszeitung prophezeite Produktionsdrosselungen in der Stahl-, Aluminium-, Kupfer- und Papierindustrie sowie in der Chemie. Außerdem werde teure oder gar rationierte Energie den Kauf von Automobilen, Klimaanlagen und Kühlschränken weniger reizvoll machen. In Washington wird inzwischen bereits die Einführung einer Benzinsteuer von (umgerechnet) 22 Pfennig je Liter erwogen.

In der Bundesrepublik möchten einige Politiker paradoxerweise den umgekehrten Weg gehen. Sprecher der Opposition haben den Vorschlag wiederholt, die Verbrauchssteuern auf Benzin und Heizöl zu senken. Nun gäbe es gewiß keine törichtere Politik als die, den Verbrauch knapper Energie dadurch drosseln zu wollen, daß man sie verbilligt. Der wirksamste Sparanreiz sind allemal steigende Preise: Nur so kann man erreichen, daß Heizungen gedrosselt und das Fahrtempo der Autos verringert wird. Selbstverständlich sind, falls soziale Härten entstehen, finanzielle Hilfen notwendig – etwa eine Erhöhung des Wohngeldes oder eine allgemeine Erhöhung der Freibeträge, etwa für Arbeitnehmer. Als Ausgleich für höhere Benzinpreise.

Immer mehr setzt sich die Überlegung durch, daß wir in der Energieversorgung selbst bei einem endgültigen Friedensschluß im Nahen Osten „sieben magere Jahre“ vor uns haben. Zwar rechnet kaum noch jemand mit einem „Energie-Kollaps“, zwar ist die anfängliche Furcht vor einem „kalten und dunklen Winter“ gewichen – aber der Mangel wird doch bald spürbar werden. Schließlich beruhten die bisherigen Konjunktur-Prognosen nicht auf gleichbleibendem, sondern auf schnell steigendem Energie-Import. So war zum Beispiel unterstellt worden, daß die Ölförderung in Saudi-Arabien bis 1975 von gegenwärtig 8 Millionen auf 20 Millionen Barrels pro Tag erhöht wird.

Wenn Energie knapp und damit teuer wird, muß das auch bei uns zu Produktionsminderungen in manchen Bereichen der Industrie führen. Auch wenn wir nicht frieren müssen, die konjunkturelle Abkühlung könnte nun doch recht schnell kommen. Die Autofirmen, aber auch die petrochemische und die Aluminium-Industrie werden das zu spüren bekommen. Jedenfalls wächst die Gefahr, daß wir „an den Rand der Rezession“ schliddern. Und dies noch, bevor die Stabilitätspolitik durchschlagenden Erfolg haben kann. So bleibt für 1974 die Stagflation, der wirtschaftliche Stillstand bei steigenden Preisen, die große Gefahr. Diether Stolze