Von Rudolf Walter Leonhardt

Während viele deutsche Bühnen noch immer gar nicht so schlecht von englischen Importen leben, scheint die Flut der dramatischen Talente, die England seit jener denkwürdigen Uraufführung von John Osbornes „Blick zurück im Zorn“, im Mai 1956, erlebt hat, verebbt; die große Zeit der Pinter und Wesker, der Stoppard und Storey, der Arden und Bond scheint vorüber.

An John Osbornes eigener Stücke-Produktion wäre das abzulesen, deren Suggestionskraft stetig abgesunken ist von den frühem Höhen, mit dem nun auch schon längst verklungenen „Epitaph for George Dillon“ als einem letzten kleinen Gipfel.

Abzulesen wäre die Entwicklung vielleicht auch an den Aktivitäten des Ersten Theaterlords, Laurence Olivier. Irving Wardle, Theaterkritiker der „Times“, schrieb unlängst, Olivier habe in bewundernswerter Weise den jeweiligen Trend des englischen Theaters repräsentiert: in den frühen fünfziger Jahren ein Star des eindrucksvollsten kommerziellen Theaters; danach als Archie Rice in Osbornes „Entertainer“ (April 1957) ein Protagonist des antikommerziellen Theaters, das im „Royal Court“ seine ersten Triumphe feierte; schließlich ein korrekter Verwalter des hoch subventionierten Nationaltheaters. Wie wäre es nun zu deuten, daß Olivier die Leitung dieses Theaters aufgegeben hat?

Einen Niedergang des englischen Theaters hat auch der Amerikaner Robert Brustein festgestellt, Professor für Theaterwissenschaft an der Universität Yale und ein. dreiviertel Jahr lang Gastkritiker der angesehenen englischen Sonntagszeitung „Observer“. „Nach der vergangenen Spielzeit zu urteilen“, schrieb er im Juni dieses Jahres, „stimmt heute etwas nicht mehr mit dem englischen Theater, und auch das organisierte Jubeln der englischen Theaterkritik kann darüber nicht hinwegtäuschen.“

Was Brustein für die Saison 1972/73 festgestellt hat, deckt sich mit meinen Eindrücken von vier Londoner Theaterabenden der Saison 1973/74: „Savages“ von Christopher Hampton im „Comedy Theatre“; „Equus“ von Peter Shaffer im „National Theatre“; „The Front Page“ von Hecht und MacArthur im „National Theatre“; „The Merry-Go-Round“ von D. H. Lawrence im „Royal Court Theatre“.

Christopher Hampton ist jung, links und hochbegabt. Sein „Menschenfreund“ mag manchen deutschen Fernsehzuschauern noch in guter Erinnerung sein. Daß die „Wilden“ von Christopher Hampton, die sich in Deutschland vorerst als unaufführbar erwiesen haben, in London sogar aus dem „Royal Court“ ins kommerzielle Westend vorgedrungen sind, wo sie freilich das Theater nur noch zur Hälfte füllen, verdanken sie den wiederholten Auftritten zweier sehr schöner nackt ter Mädchen und einer überragenden Schauspielerpersönlichkeit: Paul Scofield in der Hauptrolle des Alan West, der ein britischer Konsul in Brasilien ist und, wie der britische Konsul in Graham Greenes jüngstem Roman, von Partisanen entführt wird. Die Ernsthaftigkeit dieses politisch gewiß sehr ernst gemeinten Stücks leidet unter einer eher kabarettistischen Nummerndramaturgie mit Knalleffekten. Es geht gegen die Reichen und die Herrschenden in Brasilien. Die politische Stoßrichtung jedoch wird auf irreparable Weise gebrochen dadurch, daß die Anklage gegen die Ausrottung der Indianer, die dem Stück seinen Namen und seine Atmosphäre gibt, den revolutionären Partisanen, die die Handlung vorantreiben, gar nicht wichtig ist.