Von Heinz Josef Herbort

Die Lobby wußte es von Anfang an: Das neue Verfahren bringt Vorteile, darum ist es gut, also müssen wir es haben. Gesucht wurde nur jemand, dem man den Schwarzen Peter, er hemme die Entwicklung in entscheidender Weise, zuschieben konnte, um ihn dann zu entlarven und zu beschimpfen – so geschehen bei einem Hearing, veranstaltet von dem „unabhängigen Verbrauchermagazin“ DM.

Das neue Verfahren, um das es ging, war die Quadrophonie, das technische Verfahren also, von einem akustischen Ereignis, einer musikalischen Aufführung etwa, nicht über nur einen Kanal (monaural) oder zwei unterschiedliche Informationen (stereophon) das an Klang wiederzugeben, was direkt von vorn auf den Hörer zukommt, sondern über zwei weitere Kanäle auch noch den von Wänden und Decke des Aufnahmeraumes reflektierten Schall hinzuzufügen, um so einen stärkeren Raumeindruck zu vermitteln.

Dieses Verfahren spukt seit mehr als zwei Jahren in der Branche. Es war auf der Funkausstellung 1971 eines der Hauptthemen, aber 1973 tun sich die Hersteller immer noch schwer, wenn sie sich auf ein System, eine Norm einigen wollen.

Denn: um vier unterschiedliche Informationen aufzunehmen, zu speichern und wiederzugeben, bedarf es zusätzlicher Wege und technischer Tricks – eine Schallplattenrille beispielsweise hat nur zwei Rillenflanken, in die etwas geprägt werden kann, die beiden neuen Informationen könnten also nur verschlüsselt untergebracht werden; und da es dafür verschiedene Wege gibt, müßte man sich auf einen einigen – nur: auf welchen?

Das „unabhängige Verbrauchermagazin“ hatte die beinahe verbraucherfreundliche Unverfrorenheit zu fragen: Wozu Quadrophonie?, hatte aber, wie zu erwarten, bei seinem Hearing sich von einer fast einhelligen Front der Geräte- und Plattenproduzenten allenfalls die gängigen positiven Werbungsformeln und Scheinbeweise liefern zu lassen, hatte darüber hinaus, was nicht zu erwarten war, auch noch die einseitig positiven Argumente einer Fachzeitschrift zu schlucken, die, mit der Fahne des Perfektionismus voran, für gut hält, was einem kleinen Kreis von betuchten Klangfetischisten Spaß macht.

In der Tat liefert Quadrophonie, vor allem wenn sie in der „reinen“ Form mit vier wirklich unabhängigen, „diskreten“ Kanälen praktiziert wird, ein deutlich gesteigertes Hörerlebnis; in der Tat ist da eine zusätzliche Raumkomponente zu hören, die die häuslichen vier Wände scheinbar verschiebt und einen „großen Saal“ freigibt; in der Tat wird der Klang dabei aufgefächert, durchsichtiger, Dynamik spielt eine neue Rolle, und das Rundum ist für bestimmte Effekte tatsächlich möglich.