Im Brennpunkt

Wird der Yom-Kippur-Krieg als „Krieg für den Frieden“ Geschichte machen? Das hängt jetzt von den Diplomaten und Politikern ab. Jedenfalls übernehmen sie den Stafettenstab aus der Hand der Generäle in einer weitaus günstigeren Startposition als 1967. Denn dieser Siebzehntagekrieg war anders als der Kurzkrieg vor sechs Jahren. Rein militärisch kann wohl auch diesmal Israel der Sieg zugesprochen werden, aber nicht wie damals durch K.-o.-Schlag, sondern nach Punkten.

Der israelische Punktsieg ist immer noch groß und eindrücklich genug ausgefallen, um Araber und Sowjets zum Nachdenken zu zwingen und ihnen die Lust an einem baldigen nächsten Waffengang zu nehmen. Der Sieg war aber zugleich auch knapp genug, um die Araber vor jener totalen Demütigung und die Israelis vor jener gefährlichen Hybris zu bewahren, die nach 1967 die Friedenssuche so sehr belastet und letztlich blockiert hatten.

Drei Faktoren haben im Yom-Kippur-Krieg entscheidend zur Relativierung von Sieg und Niederlage beigetragen: einmal der gelungene arabische Überraschungsangriff; zum zweiten der erfolgreiche, ja brillante israelische Gegenschlag; und drittens die wirkungsvolle Intervention der Großmächte, als die Vernichtung des ägyptischen Expeditionskorps am Suezkanal drohte.

Vom Überrumpelungseffekt und Initiativschwung profitierte die arabische Seite. Der erstmals vollsynchronisierte Zweifrontenkrieg traf ein Israel, das weder militärisch noch psychologisch vorbereitet war. Die rund 200 000 Mann, die das Gros des Milizheeres bilden, wurden zu spät aufgeboten! Die Mobilmachung, für die 72 Stunden vorgesehen sind, lief erst wenige Stunden vor Angriffsbeginn richtig an. Selbst die Berufssoldaten und Rekruten, die in den dünn besetzten vordersten Verteidigungsstellungen der Bar-Lev-Linie am Suezkanal und der grünen Grenze auf dem Golan-Plateau in Bereitschaft standen, wurden, zu spät alarmiert. Der ägyptische und syrische Feuerschlag, der am Samstag, dem 6. Oktober, kurz vor 14 Uhr einsetzte, traf auch diese israelische Fronttruppe unvorbereitet. Panzerbesatzungen lagen, wie Augenzeugen berichten, auf den Golanhöhen noch in ihren Zelten beim Mittagsschlaf, als die ersten syrischen MIG-Staffeln angriffen. Bunkermannschaften dösten barfuß und ohne Hemd vor sich hin oder spielten Karten, als die Ägypter am Kanal losschlugen.

Dieses Fiasko zu Kriegsbeginn wird Israel noch lange beschäftigen. Regierung und Militärführung wollen jetzt Untersuchungskommissionen einsetzen. Das Thema ist von den oppositionellen Rechtsparteien bereits zum Schlager des bevorstehenden Wahlkampfes erklärt worden. Rivalisierende und politisierende Generäle greifen in die zänkische Debatte ein und schüren das Feuer. Fest steht heute schon: Die blutige Schlappe, die Israel in den ersten 48 Stunden des Yom-Kippur-Krieges erlitten hat, ist auf eine falsche politisch-militärische Lagebeurteilung und auf Nachlässigkeit zurückzuführen.

Die Schuld für das Versagen – und das wird immer deutlicher – muß nicht beim israelischen Geheimdienst gesucht werden. Henry Kissinger hatte schon am 12. Oktober in seiner Pressekonferenz klipp und klar erklärt: „Niemand hat sich über die Fakten getäuscht.“ Aber, so fügte der US-Außenminister hinzu, es bestehe immer „die Tendenz, festgestellte Tatsachen den vorgefaßten Meinungen anzupassen“. Und der israelische Generalstabschef Elazar gab vor einigen Tagen zu Protokoll, der Verzicht auf eine Mobilisierung der Reserven sei auf höchster Ebene von Regierung und Armee beschlossen worden, da trotz der genau beobachteten syrischen und ägyptischen Truppenmassierungen der Ausbruch eines Krieges nicht erwartet wurde.