Von François Bondy

Zunächst zwei Zitate: „Man fährt eine bestimmte Anzahl von Zeichen ein, die frei von jeder Bedeutung oder, wenn man es lieber will, frei von jeder Interpretation sind, und Regeln, die festlegen, welche (endlichen) Folgen dieser Zeichen als wahr in Betracht kommen.“ Und: „Es ist unmöglich, Gleichungen über den vierten Grad hinaus algebraisch aufzulösen, ausgenommen ganz besondere Fälle.“

Das ist beidemal Queneau, der Humorist, der durch „Zazie in der Metro“ populär geworden ist, zuvor mit der in den Kellern von St. Germain des Prés von Juliette Greco gesungenen Ballade „Si tu t’imagines“. Queneau, der träumerische Poet, der Verfasser vieler Drehbücher, der jahrelang zu den Surrealisten gehörte und bis heute zur erlauchten Gesellschaft der „Pataphysiker“, die im Namen Alfred Jarrys, des Schöpfers von „Vater Ubu“, die „Wissenschaft der Ausnahmen pflegt, deren Mitglied auch Ionesco ist, den Queneaus „Stilübungen“ entscheidend beeinflußt haben. Sind nun diese Zitate etwa Beispiele der Parodie wissenschaftlicher Ausdrucksweisen durch einen Humoristen?

Das erste Zitat stammt aus Raymond Queneaus glänzendem Porträt des Mathematikers Hilbert in der deutschen Enzyklopädie „Die Großen der Weltgeschichte“ (1970); das zweite aus dem Roman „Odile“ (1973), der jetzt erstmals deutsch erscheint –

Raymond Queneau: „Odile“, aus dem Französischen von Eugen Helmté; Verlag Werner Gebühr, Stuttgart, 1973; 160 S., 18,– DM.

In diesem Roman ist das Zitat Teil des Dialogs, in einem Café, worin die „radikalen Radikanten“ als „Saubande“ bezeichnet werden und das Wurzelziehen als die „Tätigkeit des gelehrten Kosinus“ definiert wird.

Das eine Mal ist es Ernst, wie es dem Herausgeber der Enzyklopädie der Pléiade bei Gallimard ziemt, das andere Mal ein Spaß, in dem aber die Mathematik stimmt. Es gibt Aussagen über Primzahlen in „Odile“, die im Aufsatz über Hilbert wiederkehren.