Ein Besuch bei Günter de Bruyn

Von Marlies Menge

Einige seiner Kurzgeschichten und zwei seiner Romane sind bei uns erschienen; seinen Namen, Günter de Bruyn, kennen hierzulande bisher nur wenige. In der DDR sind seine Bücher Bestseller, doch auch drüben weiß man nicht viel von ihm. Vielleicht weil trommeln für ihn nicht zum Handwerk gehört.

Er wohnt in einer heruntergekommenen Gegend in Ostberlin, die einst als Nutten- und Ganovenviertel einen gewissen Ruf hatte. Rund zehn Jahre ist es her, daß er in den vierten Stock eines der Hinterhäuser in der Auguststraße zog: Als er seine sichere Stellung als Bibliothekar aufgab, um sich ganz auf die Schriftstellern zu verlegen, brauchte er eine billige Wohnung. Inzwischen könnte der Heinrich-Mann-Preis-Träger sich längst Feineres leisten; doch er blieb.

Ich gehe über einen Hinterhof, in dem die Mülltonnen überquellen, steige über ausgetretene Stufen eines Treppenhauses, das 1933 das letztemal gestrichen wurde. Im Wohnzimmer de Bruyns fallen mir zuerst die Bilder von Horst Sagert auf, Maler, Bühnenbildner und Freund des Hausherrn, und der wohltemperierte Kachelofen. Beides erinnert mich an die Liebesszene in de Bruyns Buch „Buridans Esel“, in der zwei ihre gemeinsamen Vorlieben entdecken: Kachelöfen und Bilder von Horst Sagert zum Beispiel.

Ansonsten: wenig Möbel, nichts Überflüssiges, außer vielleicht einem Eckschrank, in dem Zwiebelmustertassen stehen und eine mit der Goldinschrift „Froh erwache jeden Morgen und trink Kaffe’ ohne Sorgen“. Hintergern Spiegelnder neben dem Schreibsekretär hängt, klemmt ein Photo von Böll, Erinnerung an eine gemeinsame PEN-Tagung. Unter einem von der Tochter gemalten Pfefferkuchenhaus steht ein Tisch mit Radio und Plattenspieler. Die Anschaffung eines Fernsehapparates hat der Bewohner dieses Raums sicher nie auch nur in Erwägung gezogen. Er liest lieber – Modernes aus Pflicht – Jean Paul, Thomas Mann und Fontane aus Neigung. An seinem Wohlstand, einem Telephon, partizipieren etliche Nachbarn.

De Bruyn – von Geburt Berliner – ist Autor vieler Kurzgeschichten, seine Parodien haben ihn unter Kollegen bekannt gemacht, doch seine Romane werden mehr gelesen. Sein Roman „Buridans Esel“ gehört zu den Büchern, die ich in die engere Wahl ziehen würde, sollte ich jemals auf die berühmte einsame Insel verfrachtet werden, auf die mitzubringen ein Buch erlaubt ist. Es sieht aus wie eine simple Dreiecksgeschichte, ein Mann und zwei Frauen: Ehefrau und Geliebte. Am Ende kehrt der Mann zur Ehefrau zurück, weniger aus Moral denn aus Bequemlichkeit. Er ist ein Versager, die beiden Frauen sind die Helden. In einem Porträt, das er von seiner Schriftsteller-Kollegin Christa Wolf machte, schrieb er: „Vielleicht haben Natur und Geschichte die Frauen dazu prädestiniert, Humanität zu bewahren. Durch Unterdrückung der Erziehung zum Unterdrückten, zur Brutalität, zum Töten entgangen, kann ihre Befreiung zur Befreiung der Menschlichkeit werden.“