Von Hans Krieger

Das also war Kingsley Hall: ein dreistöckiges Backsteinhaus im Londoner East-End, um die Jahrhundertwende von zwei philanthropisch gesinnten Schwestern als Zentrum ihrer sozialreformerischen Aktivitäten errichtet; 1931 der Ort, an dem Mahatma Gandhi mit seiner nahrungspendenden Ziege hauste und zu früher Morgenstunde britische Politiker und Diplomaten zu Verhandlungen über das Schicksal seines Landes empfing; berühmt geworden in den sechziger Jahren als Stätte eines außergewöhnlichen psychiatrischen Experimentes.

Doch die Sache so zu nennen, ist nicht statthaft. Was der Psychiater Ronald D. Laing mit ein paar gleichgesinnten Ärzten und Sozialarbeitern von 1965 bis 1970 (dann lief der Mietvertrag aus) in Kingsley Hall versuchte, hatte mit „Psychiatrie“, wie wir sie kennen, nichts zu tun, stellte sie eher mit Bedacht auf den Kopf („Antipsychiatrie“ lautet die Kampfformel, die Laings Freund David Cooper dafür prägte). Und von kontrollierten Versuchsbedingungen war keine Rede. Kingsley Hall war eine Gemeinschaft, die sich auf sonst ängstlich gemiedene Erfahrungen einließ. Es gab in ihr Ärzte, die keine ärztlichen Funktionen ausübten, und es gab Kranke, die nicht als Patienten behandelt wurden. Kingsley Hall war ein Ort, an dem der „Verrückte“ so verrückt sein durfte, wie er wollte und es nötig hatte. Man trieb ihm die Verrücktheit nicht aus; man half ihm, verrückt zu sein oder zu werden.

Die Zeitungen schrieben über Kingsley Hall, das britische Fernsehen drehte einen Film, Psychiater aus vielen Ländern kamen angereist und berichteten enthusiastisch, skeptisch oder entsetzt, Kingsley Hall überdauerte sich selbst als Mythos. Nun liegt auch in deutscher Übersetzung der Bericht einer Frau vor, die sich in Kingsley Hall aus ihrem Wahn befreite, indem sie ihn voll durchlebte –

Mary Barnes: „Meine Reise durch den Wahnsinn“, aufgezeichnet von Mary Barnes und kommentiert von ihrem Psychiater Joseph Berke; Kindler Verlag, München, 1973; 340 S., 12 Bildtafeln, 38,– DM.

Mary Barnes ist der Paradefall der antipsychiatrischen Theorie und Praxis. „Mary verkörperte den Geist von Kingsley Hall“, schreibt ihr Therapeut. Vor allem aber verkörpert sie eine These: daß die Psychose, läßt man ihr nur freien Lauf, eine positive, heilende Erfahrung sein kann.

Mary entstammt einer Familie, die sie als „abnorm nett beschreibt: unter einem Firnis von kühler Korrektheit Zerfressen vom Haß unterdrückten Lebens. „Das Leben war wie Eis, sprödes, brüchiges Eis.“ Der jüngere Bruder, an den Mary ein schweres Schuldtrauma kettet, schlägt früh die Laufbahn des chronischen „Schizophrenen“ ein; Mary selbst hat schon einen Anstaltsaufenthalt hinter sich, als sie „Ronnie“ Laing begegnet – Opfer einer jener „schizophrenogenen“ Familien, wie sie im Kreis um Gregory Bateson kommunikationstheoretisch analysiert wurden. Zwei Jahre muß sie auf die Gnade warten, endlich ganz zusammenbrechen zu dürfen. „Nach unten gehen“ nennt sie das, und dies tut sie gründlich. Die über 40jährige Krankenschwester regrediert ins Babystadium. Monatelang verläßt sie nicht das Bett, sie trinkt Milch aus der Säuglingsflasche, spielt mit Teddys, macht ins eigene und in fremde Betten, beschmiert sich und die Wände mit Kot, durchlebt Depressionen, höllische Ängste und mörderische Wut. Man läßt sie gewähren: Sie muß ihren Weg von Tod und Wiedergeburt zu Ende gehen. Niemand stört den Prozeß der Desintegration und Selbstregeneration durch Maßnahmen der Erziehung und „Behandlung“.