"Schwabylon" wurde in München eröffnet und von seinem Architekten mit Sprachqualm eingenebelt

Ein Gebäude besteht aus Wänden und einer Decke und dient einem bestimmten Zweck, zum Beispiel dem Handel mit Waren und Amüsements. Das ist natürlich eine viel zu ärmliche Definition für einen teuren Behälter, dessen Name durch Lage (Schwabing) und Anspruch (Babylon) schon eine philosophische Schäfchenwolke geworden ist: Schwabylon. Eben ist er am nördlichen Ende der Münchener Leopoldstraße, da wo auch die Legende ihres Charmes schon erfroren ist, eröffnet worden. Lassen wir also seinen Architekten, den Schweizer Professor Justus Dahinden, sprechen.

Er sagt über den verspäteten Pop einer schreiend bunten Sonne, welche ihre schicken Strahlen über die schrägen und fensterlosen Wände sendet: "Die aufgehende Sonne an der Stufenpyramide des Schwabylon soll mehr sein" – als scheinen? Ja: "Soll mehr sein als bloße originelle Fassadengraphik." Nämlich: "Hier soll die funktionale Zweckarchitektur durch einen übergeordneten künstlerischen Eingriff entfremdet und humanisiert werden." Und was sehen wir? "Das urbane Großsymbol einer kosmischen Zuordnung." Aus dem Innern erhalten wir unterdessen, leichtsinnig vom Verkaufsprospekt des Bauherrn übertragen, das Echo: "Jeder Quadratmeter ist eine Verführung."

Schwabylon ist ein Gebäude, das vollgestopft ist mit Läden, garniert mit einem Schwimmbecken, einer Eis-(Box-, Rock-)Halle, mit Fitmachereien, und unten im "Las Vegas" laden die beliebten Verwandten der einarmigen Banditen zu fröhlichem Spiel. Es gibt eine Agora ("Die alten Griechen .. meldet sich der Prospekt), einen Markt ("Wo jeder jeden trifft"), auch Restaurants und einen Biergarten ("Verzaubertes Schlaraffenland"). Zusammen ist das nach Dahindens Worten eine Freizeitstadt, mithin die "Urbanutopie der westlichen Zivilisationsgesellschaft".

Schon kullern die Vokabeln wie Würfelzucker hervor: attraktiver architektonischer Kontrapunkt; optimales Milieu; echte Erholungsfunktion; neue Kommunität in der Stadt; pluralistisch. "Der introvertierte Architekturraum läßt zu jeder Tag- und Nachtzeit die Machbarkeit eines gezielten audiovisuellen Milieus zu", sagt sein Schöpfer.

Und dann fällt auch schon der Mensch als Wort. Der Prospekt verkündet unter der Rubrik "Gesundheitszentrum": "Der Mensch ist der Mittelpunkt im Schwabylon." Professor Dahinden teilt etwas feinsinniger mit, die Planung sei davon ausgegangen, "daß im Zentrum der Anlage der Mensch selbst steht". Worauf er lauter bekannte Beschäftigungen aufzählt, die er, der Mensch selbst, wie das Kaufen nur gegen Geld ausüben darf.

Nicht wahr: der Architekt hat einem Bauherrn, dem Geschäftsmann Schnitzenbaumer, eine Anlage entworfen, in der sich Geschäfte machen lassen. Ist das etwas Böses? Warum gaukelt er aber der Menschheit das Trugbild einer philanthropischen Veranstaltung vor? Was mag den Architekten getrieben haben, seinem gebauten Gebäude noch ein gedachtes als Maske überzustülpen? Hat er denn einen Grund, die nackten Tatsachen zu verhüllen? Flüchtete er sich vielleicht deswegen in die Rolle des schlecht theoretisierenden Interpreten, weil er sich schämt, daß sein Gebäude gar nicht der Freizeit – "befreiter Zeit" – dient, sondern hervorragend dazu benutzt werden kann, seine Besucher auszuplündern, natürlich legal?