Mit seinem Ende muß der Mensch für sich allein fertig werden

Von Paul Schulz

Dr. Paul Schulz ist Pastor an der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein ...“ In diesem biblischen Satz aus dem 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes laufen viele menschliche Empfindungen zusammen: Angst vor der unabdingbaren Realität des Todes; Hoffnung auf einen kraftvollen Retter; Suche nach Trost bei Schmerzen und Ohnmacht; Sehnsucht nach Wärme, nach Geborgenheit; Ringen um Selbstfindung, um Selbstverwirklichung.

Von alters her bildet die Hoffnung auf Überwindung des Todes die Mitte der Religion. Im ägyptischen Totenbuch aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus ist zum Beispiel die ganze religiöse Praxis beherrscht von der Sorge um das Leben nach dem Tod. In den griechischen Mysterienkulten ringt der Mensch um das Anteilhaben an der Unsterblichkeit der Götter. Im Buddhismus öffnet die Vorstellung vom Nirwana den Zugang in eine dauernd seiende Wirklichkeit. Ewigkeit – darin liegt der religiöse Versuch des Menschen, aus den harten Grenzen der diesseitigen Welt auszubrechen in ein Sein ohne Ende.

Trotz aller religiösen, philosophischen, ideologischen Lebenstheorien aber bleibt der Tod das ganz persönliche Problem des einzelnen Menschen. Der Mensch muß für sich fertig werden mit seinem Ende, sei es, daß er im Altwerden noch ausstehende Jahre, Monate, Tage zu zählen lernt; sei es, daß er durch schwere Krankheit jäh an den Abgrund gestellt ist; sei es nur, daß er bei einem Flugzeugstart für Sekunden die Gefahrenquote kalkuliert. Wie intim immer er seine Gedanken über Tod und Leben verbirgt – er ist dennoch geprägt von jenen Theorien, die Menschen vor ihm gedacht haben. Deshalb muß er eben nicht nur mit sich selber fertig werden, er muß auch mit jenen Vorstellungen ins klare kommen, die ihm eingeprägt worden sind. Was aber ist wirklich? Was hat Gültigkeit? Versuchen wir, ein wenig zu ordnen!

Im Alten Testament gibt es den Glauben an ein Leben nach dem Tod nicht. Weder Abraham noch Moses, noch Jesaia, noch irgendeiner der großen Gottesmänner der altisraelitischen Religion hat an Gott geglaubt in der Hoffnung, nach dem Tod weiterzuleben. Im Alten Testament versteht sich der Gläubige ohne Erwartung eines Jenseits, ohne Hoffnung auf Auferstehung, ohne Anteilhabe an der Ewigkeit Gottes.