Von Petra Kipphoff

Von selber würde ein Museumsdirektor oder Kunstvereinsleiter heute wohl kaum auf die Idee kommen, eine Ausstellung "Kunst in Deutschland 1898–1973" auf das Programm zu setzen. Es ist ein Thema, das weder die Aktualität ersten Grades der zeitgenössischen Kunst noch die Aktualität zweiten Grades der Wiederentdeckung des Vorgestrigen für sich in Anspruch nehmen kann. Es ist ein Thema, das, wäre es nicht so jenseits dessen, was gefragt ist, schon fast wieder anstößig wäre.

Die große Geste der allwissenden Vereinnahmung unter nationalen Aspekten: Das ist ein heißes Eisen, ein weites Feld, aus guten Gründen nicht mehr erwünscht. Ausstellungen wie die zur Kunst der Nachkriegszeit, die jetzt gerade die Museen von Düsseldorf, Leverkusen und Wuppertal gemeinsam unter dem Stichwort "Thema: Informel" organisiert haben (zwei wurden im Laufe dieses Jahres gezeigt, die dritte wird im Frühjahr 1974 in Düsseldorf eröffnet), zeigen zwar, wie selbst ein atomisiertes historisches Bewußtsein sich nicht in Nichts auflöst, sondern das kompensatorische Bedürfnis nach rascher Dokumentation zur Folge hat. Um sich nun aber gleich und ausgerechnet für 75 Jahre deutscher Kunst nach rückwärts zu entscheiden, dazu bedarf es schon eines besonderen Anlasses und angenehmen Zwanges.

Im Falle der Hamburger Ausstellung sah das so aus, daß die englische Firma Mobil Oil vor 75 Jahren in Hamburg die Deutsche Vacuum Oil Company gegründet hatte und dieses Ereignis mit einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle feiern wollte. Dabei bot die Mobil Oil der Kunsthalle die Übernahme der Ausstellungskosten (im Rahmen einer sehr großzügig bemessenen Summe) und der Kosten für den Katalog an. Der einzige Wunsch, den die Spender ihrerseits aus eigenem Geburtstagsanlaß vorbrachten, war, daß es eine Ausstellung deutscher Kunst sein sollte.

Der Direktor der Kunsthalle, Werner Hofmann, entschied sich daraufhin für Kunst in Deutschland, seit der Gründung der Vacuum Oil, 76 Jahre Kunst also. Er und seine Mitarbeiter einigten sich dann darauf, sich die fragwürdigen Freuden einer à discretion zusammengewürfelten Blütenlese von Meisterwerken, zu versagen und statt dessen nach einem eindeutigen und rigorosen Auswahlprinzip vorzugehen: 76 Jahre sollten durch ebenso viele Kunstwerke von ebenso vielen Künstlern belegt werden.

Mit diesem Votum für den Kalender als Metronom der Kunst, mit diesem Schema war die Entscheidung für den Inhalt schon fast gegeben: Kunstgeschichte sollte nicht als Selbstzweck verstanden, sondern im Sinne des von Hofmann im Katalog zitierten Dehio nach ihrer Qualität als Geschichte befragt werden. Kunst also im Sinne jener Anekdote, der zufolge Picasso einem deutschen Besatzungsoffizier, der ihn fragte, ob das Guernica-Bild wirklich von ihm sei, geantwortet haben soll: "Nein, das stammt von Ihnen."

Ein solches Plädoyer für die "Eigenmacht des Einzelwerks" (Hofmann), für das Kunstwerk nicht als Partikel einer Richtung und nicht als Meisterwerk, sondern als Dokument und Reflex eines geschichtlichen Augenblicks, bedarf freilich einer flankierenden Hilfsmaßnahme, ohne die es gar nicht gehalten werden könnte: Eine solche Ausstellung wäre ohne den begleitenden Kommentar eines Katalogs nicht nur nicht zu verstehen, sondern mißverständlich bis gemeingefährlich.