Von Heinz-Günter Kemmer

Früher gingen die Herren in Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel mit Kokereigas hausieren, heute verhandeln sie in Moskau und Teheran über den Einkauf von Erdgas. Die Herren sind die Vorstandsmitglieder der Ruhrgas AG, Essen, die sich auf der Erdgaswoge von einem regionalen Gasverteiler zu einer energiepolitischen Potenz entwickelt hat.

1962 verkauften die Gasmänner aus Essen 5,7 Milliarden Kubikmeter Gas, 1972 war allein der Zuwachs höher als der Gesamtabsatz von vor zehn Jahren. Um 6,7 Milliarden kletterte der Ruhrgas-Absatz auf 32 Milliarden Kubikmeter. Seit 1968 liegen die Zuwachsraten jeweils über 25 Prozent. Und sie wären höher, wenn mehr Erdgas zur Verfügung stünde.

Hat Herbert Schelberger, der in diesem Jahr 65 wurde und noch lange nicht daran denkt, den Vorstandsvorsitz niederzulegen, diese Entwicklung vorausgesehen? Das Ausmaß wohl nicht, denn er spricht von der Eigengesetzlichkeit, mit der ein Großunternehmen wächst. Aber daß nur Erdgas Expansion versprach, das war dem gelernten Juristen von Beginn der Kohlenkrise an klar,

Mit dem Rückgang des Bergbaus wurde die Expansion der Ruhrgas gestoppt. Wo weniger Kokereien arbeiten, da gibt es weniger Gas. Aber Schelberger kämpfte gegen die allgemeine Resignation des Bergbaus und überzeugte nach und nach seinen Aufsichtsrat von der Notwendigkeit, auf Erdgas umzusteigen.

In diese Zeit fiel die Entdeckung der riesigen Erdgasvorkommen im Norden Hollands, die sofort das Interesse der Ruhrgas weckten. Aber der Weg zu den holländischen Erdgasreserven ging über die Exportgesellschaft NAM, die je zur Hälfte den internationalen Ölkonzernen Esso und Shell gehört. Selbst auf dem Wege zum deutschen Erdgas lauerten die beiden Ölgiganten – an ihnen ging kein Weg vorbei.

Für die Ruhrgas galt es nun zu zeigen, daß auch an ihr kein Weg vorbeiging. Sie wollte klarmachen, daß der Zugang zum deutschen Gasmarkt besser mit der Ruhrgas als gegen sie zu erreichen sei. Als die „Internationalen“ mit ihrem in Deutschland gefundenen Erdgas Bremen versorgen wollten, kam ihnen die Ruhrgas zuvor. Sie bot Kokereigas an und beantragte auf die Schnelle den Bau einer Pipeline nach Bremen. Denn wer, die Pipeline hat, der hat den Kunden.