Von Heinz Michaels

Mit ungewohnter Schärfe machte Eugen Loderer gegen überzogene Lohnforderungen Front und kanzelte einen Delegierten ab: „Wir müssen die Kirche im Dorf lassen“, sagte der Vorsitzende der IG Metall auf einer Konferenz für Vertrauensleute und Betriebsratsmitglieder seiner Gewerkschaft in Travemünde. „Der Vorstand wäre schlecht beraten, Forderungen zu unterstützen, die den Keim der Niederlage in sich tragen.“

Nach überschlägiger Rechnung summierten sich die von der Versammlung mit Beifall aufgenommenen Forderungen des Delegierten auf rund 30 Prozent – 70 Mark monatliche Teuerungszulage für August bis Dezember, 50 Pfennig Vorweganhebung aller Stundenlöhne und dann 18 Prozent Lohnerhöhung bei kurzer Laufzeit des Tarifvertrags. Fast täglich regt die Zeitung der DKP „unsere zeit“ solche und ähnliche Lohnforderungen bei ihren Betriebsgruppen an nach dem Motto: „Die Bosse können zahlen.“

Mit Bangen sehen Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs und Bundesbankpräsident Karl Klasen dem 1. Januar 1974 entgegen, an dem neue Tarifverträge für rund acht Millionen Arbeitnehmer fällig werden. Der größte Brocken dabei ist die metallverarbeitende Industrie mit gut vier Millionen Beschäftigten. Für etwa zwei Millionen Arbeiter und Angestellte muß die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) neue Lohnverträge abschließen.

Den Metallarbeitern und dem öffentlichen Dienst folgen – im Schlepptau der ÖTV – die Post und die Bundesbahn, dann in den ersten Frühlingstagen die kleinere, aber militante Druckergewerkschaft und die IG Chemie, die drittgrößte Industriegewerkschaft, die für rund 600 000 Chemiearbeiter die Löhne aushandeln muß. „Ende April ist die Tarifrunde 1974 gelaufen“, sagt der DGB-Tarifexperte Fröbrich. Dann sind alle großen Verträge unter Dach.

Gelaufen ist die Tarifrunde nach allgemeiner Ansicht jedoch schon, wenn die IG Metall in ihren 19 Tarifbezirken neue Lohnabkommen unterschrieben hat. Nur 1973 war das anders. Ausgehend von den Daten des Jahreswirtschaftsberichts erklärten sich die IG Metall und die ÖTV mit Lohnerhöhungen von durchschnittlich 8,5 Prozent einverstanden – eine Marge, die nur knapp den Reallohn, absicherte. Zwei Monate später machten sich die Drucker zum Schrittmacher für Tarifabschlüsse über zehn Prozent.

Rückblickend sprach der IG-Metall-Vorsitzende Loderer auf der Travemünder Konferenz dann für 1973 von einer „Tarifpolitik der Betriebsräte“. Denn nachdem die Preise stärker stiegen als im Jahreswirtschaftsbericht angenommen, mußten diese in den Unternehmen Lohnzuschläge aushandeln. Die Gewerkschaft hatte der Arbeitgeberverband abschlägig beschieden, als diese im Mai über einen „Nachschlag“ sprechen wollte.