Von Ferdinand Ranft

Montreal

Art Shearer war einer der dreizehn kanadischen Journalisten, die von der Auslandsvertretung der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) in Montreal in diesem Jahr für ein paar Wochen durch deutsche Ferienlandschaften geschickt wurden. Mister Shearer sah sich vieles an, hörte Bürgermeistern und Fremdenverkehrsexperten zu, aber als er sich, zu Hause angekommen, an die Schreibmaschine setzte, da hatte er nur noch den Sin Strip, die Reeperbahn, im Kopf, und die hat er dann seinen Lesern deftig und prickelnd verkauft.

Nichts gegen die Reeperbahn – aber ich könnte mir denken, daß es der deutschen Touristen-Auslandswerbung doch nicht, völlig gleichgültig ist, aus welchen Motiven beispielsweise Kanadier in die Bundesrepublik reisen und mit welchen Mitteln höhere Zuwachsraten im Fremdenverkehr erstritten werden. Aber im Montrealer DZT-Büro am vornehmen Place Bonaventura stellt sich jedesmal Resignation ein, kommt die Sprache auf dieses Thema.

Kanadier – und beileibe nicht nur sie – haben festumrissene Vorstellungen und Wünsche, wenn sie ihren Deutschland-Trip planen, und bisher vermochte sie niemand davon abzubringen. Ganz oben in der Skala rangiert die Romantik, dicht gefolgt von Oktoberfest, Bier und Lederhosen. In der nächsten Abteilung sind dann Rhein, Berge und Schwarzwald angesiedelt und demnächst sicher auch der Sin Strip, dank der Bemühungen von Art Shearer.

Erst beim zweiten Besuch, vielleicht, lassen sich die Kanadier zu einem München- oder Hamburg-Besuch überreden, zu einer Fahrt nach Berlin (Mauer inklusive) oder in die Heide. Viele besuchen natürlich ihre alten Garnisonsstädte im Westfälischen oder ihren Geburtsort, denn Jahr für Jahr wurden seit 1945 Tausende von kanadischen Soldatenkindern bei uns geboren. Doch das Deutschlandbild, das auf diese Weise bei unseren Gästen entsteht, läßt an Oberflächlichkeit und Einseitigkeit nichts zu wünschen übrig, zumal jeder Kanadier ohnehin nur durchschnittlich 1,9 Tage in der Bundesrepublik bleibt.

Für den Kampf gegen Klischeevorstellungen und schiefe Bilder und für eine wirkungsvolle Deutschlandwerbung ist die Montrealer DZT-Filiale denkbar schlecht ausgerüstet. Vor allem ist sie am falschen Ort angesiedelt. Drehscheibe der touristischen Aktivitäten in Kanada ist fraglos Toronto; hier liegt das dichtbesiedeltste Gebiet, hier wohnen die meisten Deutschen, residieren die großen Firmen und Reiseveranstalter. Mit ein paar Jahren Verspätung soll die Standortkorrektur jetzt nachgeholt werden. Wie schön Deutschland als Reiseland ist, das erzählt den 22 Millionen Kanadiern ein Vier-Mann-Team, zu dem gelegentlich noch ein paar Aushilfskräfte stoßen.