Von K. H. Kramberg

Ein gewisser Jemand, der sonst vom Schreiben sich nährt, frönt der Idee, durch den Vertrieb von Öfen, speziell holländischen, den Anschluß an Handel und Wandel zu finden und sein Schäfchen ins trockene zu bringen. Er wendet sich in dieser Sache brieflich an seinen Cousin, einen gewissen Buzu, Schönheitschirurg seines Zeichens, und bittet diesen, die Gesichtsplastik an den Nagel zu hängen und mit ihm ins Ofengeschäft einzusteigen. Buzu antwortet mit gewundenen Phrasen, aus denen hervorgeht, daß er sich für Öfen nicht erwärmen kann. Aber Henry, so heißt der Ofenmensch, kann es irgendwie ohne den Buzu nicht packen, man erfährt nicht genau, was da los ist, denn seine Briefe sind durchwirkt mit Schöngeisterei und Theologie, dabei geht es ihm doch nur um die Öfen.

So geht das eine gute Weile, rund zwanzig Seiten, aber üppig gedruckt, hin und her. Bandwurmartig, verdreht, nicht ohne abstruse Komik, eine verdünnte Valentiniade. Eine Wende tritt ein, als der Ofenmann dem Buzu berichtet, jetzt habe er einen Kunden gefunden, der sich allen Ernstes für Heizkörper interessiert, und von diesem schon eine Anzahlung (Goldzähne) erhalten hat. Das wandelt den Sinn des Buzu. Plötzlich ist er für das Ofengeschäft Feuer und Flamme. Doch wehe, auf einmal klingen Henrys Briefe gewunden: Er bringt die Öfen nicht her. Man wird den Kunden nicht zufriedenstellen können, die Firmen wollen nicht liefern. Ja, am bitteren Ende wird offenbar, es gibt in der ganzen Welt vielleicht überhaupt nur einen einzigen Ofen.

Das ist, auf den novellistischen Kern reduziert, die Titelerzählung von –

Jakov Lind: „Der Ofen“, eine Erzählung und sieben Legenden; Residenz Verlag, Salzburg, 1973; 112 S., 15,– DM.

Seit Linds Prosaerstling „Eine Seele aus Holz“ weiß man, daß seine leidenschaftliche, gequälte Erzählphantasie auf schmalem Seele balanciert, Die Faszination, die er schreibend ausüben kann, erwächst aus Absturzgefahr. Das gilt auch für diese Parabel vom Ofen. Die Unsicherheit des Schreibenden teilt sich dem Lesenden als Ungewißheit mit, die sowohl Sinn als auch Machart der krausen Geschichte betrifft. Schwer zu sagen, wo der metaphysische Nonsens in metaphorisches Kauderwelsch umschlägt, wie weit sich der Geist der Erzählung, Kafka und Beckett im Rücken, ins Dunkel einer verhangenen, noch unerforschten Seelenlandschaft vorwagt und wo er sich in den Fallstricken schon konventionell gewordener, schon kunstgewerblich absurder Spielereien verfängt. Sein Witz kommt von außen, aber darunter brodelt vielleicht tiefer gramvoller Humor. Ein Wahnsystem ist gut, wenn es trägt. Dieses trägt, fürchte ich, nicht. Weder Schreiber noch Leser.

Dieser Eindruck, bei der Lektüre der Erzählung vom „Ofen“ noch vage, wird durch die „sieben Legenden“ verstärkt. Die Phantasie des Erzählers arbeitet hier krampfhaft und überdeutlich, so deutlich jedenfalls, daß die Bedeutungen ins platt Metaphorische sinken, mit Motiven der Bibel und der jüdischen Geschichte. Lind versucht, diese Motive – den Kampf mit Gott – zu aktualisieren/indem er sie zur Resignation vor der Übermacht des Sinnlösen ummünzt. Dieses Konzept wird aber verdorben durch den nur technisch adaptierten Literaturgeschmack des Finde-Siècle-Symbolismus, der dem englisch schreibenden Autor in den Märchen und Prosagedichten Oscar Wildes vorgeschwebt haben mag. Die synthetische Folie des Kunstmärchens macht die Stoffe, die den Erzähler bedrängen und die er, wie es scheint, nur in der allegorischen Verdünnung bewältigen kann, steril. Ein blinder Königssohn wird von einem Magier aus dem Osten sehend gezaubert durch ein drittes Auge, das ihm die Schau aufs Wesentliche eröffnet. Die Folge ist, der blinde Seher kommt bei einem Verkehrsunfall um. Dies nur als Beispiel dafür, wie eine Legende verunglückt, wenn die simple Bedeutung sich als Sphinx ohne Rätsel darstellt, als flache Allegorie.

In der siebten Legende wird als sechster Sinn der für die Schönheit beschworen. In seinen schlimmen und bösen Geschichten war der seinen ler Jakov Lind von diesem sechsten Sinn widerstrebend besessen. Als Autor der Erzählung „Der Ofen“ und der sieben Legenden bezähmte er ihn. Sein Dämon wurde zum Haustier.