Von Karl Cerny

Wenn Paros im silbrigen Dunst schon erkennbar ist, kann es geschehen, daß auf dem Schiff plötzlich Unruhe entsteht. Der fremde Reisende sollte sich dann der allgemeinen Bewegung schnell anschließen. Wenn er Glück hat, sieht er einen Schwarm Delphine schräg von vorn durch das tiefblaue Wasser toben, bis sie unter dem Kiel verschwinden. Gut vorbereitet, was die Kykladeninsel ihm zu bieten hat, weiß der Reisende, daß in frühen parischen Legenden viel von Schiffbrüchigen berichtet wird, die von Delphinen gerettet wurden. Die Delphine sind also noch da; wenn das Schiff untergeht, kann nichts mehr passieren. Die ältesten auf Paros geprägten Münzen trugen ebenfalls, ein Bild des Delphins. So kann man mit ein bißchen Angelesenem, etwas Glück und raschem Blick noch vor der Ankunft des Schiffes im Hafen von Parikia, dem Hauptort der Insel, von deren ausstrahlender Beständigkeit einen vertrauenweckenden Eindruck erhalten.

Die Schiffe „Elli“ und „Kyklades“, die täglich von Piräus über Paros nach Naxos und zurück fahren, sind nicht mehr die jüngsten; aber auch sie flößen Vertrauen ein wie die stabilen, unverwüstlichen Straßenbahnen aus der guten alten Eisenzeit. Die meisten Passagiere sind Griechen, die mit Koffern und Kartons über See fahren, wie man bei uns über Land mit dem zuschlagfreien Eilzug fährt. Zur Sommerzeit sind auch Athener Bürger dazwischen, die seit altersher auf Paros Sommerfrische machen. Auch internationale Wandervögel mit engen Jeans und hochragenden Gestellrucksäcken lassen auf dem Vorderdeck den Bart im Winde flattern. Selbst Griechenlands Inseln sind „in“. Politische Verhältnisse hin und her, was will man machen, wenn der Wandertrieb kommt und man Freunde wiedertreffen muß.

Auf der Schiffsreise von Piräus nach Paros wird kein Luxus geboten, auch nicht in der sogenannten 1. Klasse. Es wird transportiert. Das gilt auch für Autos, bei deren Verladung im Schiffsbauch dem Fahrer von verschiedenen Amtspersonen in Uniform und Zivil die unterschiedlichsten Ratschläge und Befehle erteilt werden. Es wird gebrüllt, geschnauzt und geflucht, wie später nur noch bei der Fahrkartenkontrolle. Da fühlen sich die Matrosen als Machthaber und genießen auf ihre Weise befristet die Möglichkeiten der Diktatur. Die Landung dann am Kai gerät zum Volksfest der Spannung und des Wiedersehens. Kußhände fliegen an Land und auf das Schiff wie Fangleinen, mit denen die Herzen festmachen. Dazwischen geht unbeachtet der Fremde von Bord, prüfend, blickend, fragend. Wie wird diese Insel ihn während zweier Wochen wohl tragen? Wie wird er die Insel ertragen?

Im Frühling sind die Kykladen grün, zumal Paros mit seinen weiten Tälern, sanften Hängen und mehr geschwungenen als steilen Hügeln und Bergen. Früher war die Insel bewaldet, heute wird sie landwirtschaftlich intensiv genutzt. Wein, Oliven, Weizen, Melonen, Tomaten, Feigen und allerlei anderes Gemüse wachsen hier. In den drei Häfen von Parikia, Naussa und Pisso Livadi nehmen die plumpen und breiten Schiffe im August Mengen von Zwiebeln an Bord. Die Fischerei scheint als Erwerbszweig nicht mehr sehr ergiebig, auch wenn in den drei Häfen zahlreiche kleine Fischerboote liegen und die Männer am Hafen eifrig Netze flicken. Die Boote heißen mit Vorliebe nach dem Heiligen Nikolaus, der auf der Insel besonders verehrt wird. Bei ruhiger See gibt es mehrere Male in der Woche Tagesausflüge nach Naxos und Delos, Wer in den Ferien, kaum daß er an seinem Urlaubsort angelangt ist, gern weiter ausgreift zu anderen Zielen, sollte in Paros die überseeischen Tagestouren gleich nach Ankunft planen. Angebot und Wetterbedingungen müssen zusammentreffen.

Nahe der Schiffsanlegestelle gibt es im Turm einer ehemaligen Windmühle (dorthin zu Dekorationszwecken verpflanzt) das Büro der „Tourist Police“, wo man Auskünfte in Englisch und Französisch erhalten kann. Hier fahren die Omnibusse von Parikia über Marathi, Marmara nach Dryos ab, dem südöstlichen Ort auf der Insel, oder nach Naussa, dem nach Parikia nächstgrößeren Ort, der im Norden an einer malerischen Bucht liegt. Die Busse fahren ein- bis zweimal pro Stunde und sind so preiswert wie alle Omnibusse in Griechenland. Am Hafen stehen einige ausladende Freiluftwirtschaften nach klassischer Art des Kafenion: Blechtische, Kunststoffstühle. Da gibt es türkischen Kaffee, griechischen Schnaps, den Ouzo, mit oder ohne Wasser, aber stets mit einer Kleinigkeit zu essen, einer ölsardine, ein paar Oliven, einer Tomatenscheibe.

Dahinter beginnt das Geschäftsviertel. Zuerst ein Markt- und Parkplatz, dann die schmale Hauptstraße, die sich zwischen den weißen, kubischen, mit Treppen und Balkonen, grünen Fensterladen und Weinranken reich verzierten Häusern dahinschlängelt. Hier sind alle Geschäfte versammelt, in denen alles – schnell umgerechnet – so billig ist, daß man reichlich kauft, was man nachher nicht brauchen kann. Immerhin, zehn Prozent hatte man heruntergehandelt, eine schöne Erinnerung. Hinter der Biegung einer sanft steigenden Seitenstraße steht eine hohe Mauer im Gerüst. Dort schreiben fleißige deutsche Archäologen rote Inventarnummern auf die Brocken der alten ,,Frankenburg“. Es sind die inzwischen abgerundeten, Giebelquadern und Säulenabschnitte eines ehemalien Heratempels-Die „Franken“ waren Venetianer, die im 12. und 13. Jahrhundert als Transportunternehmer der Kreuzzüge im östlichen Mittelmeer ihr See- und Handelsimperium aufbauten. Später wurde die Frankenburg mitsamt ihren antiken Trümmern vom einheimischen Wohnungsbau überwuchert.