Das Schlechte haben Sie nicht gesehen“, sagte Liu Hsi-yao, Chef der Gruppe Bildung und Wissenschaft bei Ministerpräsident Tschou En-lai und damit in etwa Bundesbildungsminister in der Pekinger Zentralregierung. „Wir fangen erst an, wir experimentieren noch. Es gibt natürlich auch Mißerfolge. Was haben Sie zu kritisieren?“ Diese Frage, beim letzten Mittagessen im Peking-Hotel gestellt, war typisch für das Klima, mit dem uns alle Chinesen in Peking, Kanton oder Shanghai begegneten: Ebenso sicher im Ziel wie besorgt um unsere Kritik an den bisherigen Ergebnissen der chinesischen Entwicklung und Bildungsreform. „Wir sind ganz unvollkommen. Wir sind ein Entwicklungsland. Ihre Kritik wäre uns ein Ansporn.“

Dies ist nicht nur Ritual mit einem Ausländer. Die entsprechende Antwort der Chinesen beim Umgang miteinander lautet offenbar: „Wenn es notwendig ist, werde ich Sie kritisieren.“ Die unablässige Einladung zur Kritik entspricht einer der zahlreichen Weisungen des Vorsitzenden Mao. Die vier weißen Großväter der chinesischen Revolution, Marx, Engels, Lenin und Stalin, fehlen zwar in keinem Klassenzimmer. Aber auf den Vorsitzenden Mao wird in jedem Gespräch, oft an den verblüffendsten Stellen, Bezug genommen. Mao hat irgendwo gesagt: „Wir Chinesen müssen bescheiden bleiben. Wir sind ein großes Volk. Wir dürfen nicht größenwahnsinnig werden.“ Das, zum Beispiel, wird zitiert, wenn man das Kritik-Ritual hinterfragt.

Ich war gereist in der Erwartung, hastige und angepaßte „blaue Ameisen“ zu treffen. Mein Eindruck dort war: Selbstsicherheit, Gelassenheit und trotz niedrigen Lebensstandards eine beachtliche Lebenskunst. Sechs Tage Arbeit in der Woche: aber mittags zwei, im Süden drei Stunden Pause mit Schläfchen. Die Ernährung ist gesichert, es gibt faktisch keine Seuchen mehr; aber immer noch arbeiten etwa 65 Prozent der Bevölkerung unmittelbar in der Landwirtschaft, und weitere 15 Prozent sind mittelbar über die entsprechenden Industriezweige mit ihr verbunden. Mao hat gesagt: „Die Landwirtschaft ist die Grundlage, die Industrie muß führen.“ So vermeidet China ein disproportionales Wachstum. Man hat es nicht eilig. Die Breite der Entwicklung hat eindeutig Vorrang vor spektakulären Spitzenleistungen. Das gilt offenbar: überall – auch in der Bildung.

Das Land ist unvorstellbar egalitär für unsere Begriffe. Wenn auch die scheinbar gleiche Bekleidung nach einigen Tagen amüsante Differenzierungen erkennen läßt, vom dunklen Wollstoff bis zu den Perlmuttknöpfen am Mao-Anzug für den Abend: im Theater kann man Arbeiter, Bauern und leitende Pekinger Funktionäre kaum unterscheiden.

Gleichheit ist ein zentrales Motiv der chinesischen Entwicklung. Zwar gibt es deutliche Einkommensunterschiede, aber man versucht dennoch, die Gleichheit der Menschen und der Tätigkeiten in der Gesellschaft zu unterstreichen – und das nicht nur äußerlich. Die Erziehung fängt damit an. In den Kindergärten, Schulen und Fabriken haben Kinder und Jugendliche nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht, Ältere zu kritisieren, wenn sie dies für richtig halten. Mir scheint allerdings, daß die Entgleisungen, wie sie bei uns dann häufig auftreten, in China heute unvorstellbar sind; in der Kulturrevolution muß es sie allerdings gegeben haben.

Auch Maos China kann der Arbeitsteilung nicht entgehen. Aber da der größte Teil der Bevölkerung als Bauern, Fabrikarbeiter oder Soldaten tätig ist, geht man davon aus, daß niemand in der chinesischen Gesellschaft in der Lage sein kann, eine Führungsfunktion auszuüben, ohne das Leben der Bauern, Arbeiter oder Soldaten selbst erfahren zu haben. Als China 1949 nach der Befreiung zunächst genossenschaftliche Formen des Eigentums an den Produktionsmitteln entwickelte, um dann in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre das Eigentum zu kollektivieren oder zu verstaatlichen, zeigte sich bald, daß der Revolution im „Unterbau“, um die marxistische Terminologie zu verwenden, keine Revolutionierung des „Überbaus“ folgte.

Spezialisten und Experten wurden wieder in erster Linie aus den Schichten der Bevölkerung gestellt, die in den Städten Gelegenheit hatten, zur Schule und Hochschule zu gehen. Der Vorsitzende Mao muß seinen Unwillen hierüber schon Ende der fünfziger Jahre zum Ausdruck gebracht haben, aber seine Äußerungen wurden, wie man mir sagte, „nicht voll verstanden“. Schon Anfang der sechziger Jahre forderte Mao, das Bildungssystem praxisbezogener zu gestalten, die Studienzeiten zu verkürzen, die Beziehungen zwischen den Akademikern und den Bauern, Arbeitern und Soldaten wiederherzustellen und so auch den „Überbau“ zu revolutionieren.