Von Georg Gerster

Vor einem Jahr legte eine Gruppe junger Fassadenmaler, die sich nach den Streifen der Autobahnpolizei „Los Angeles Fine Arts Squad“ nennt, auf der Rückwand eines Tonstudios in Santa Monica letzte Hand an eine in Kinoreklamenmanier ausgeführte Mammutmalerei. Der Stoßtrupp der schönen Künste betitelte sein Werk sarkastisch „Die Insel Kalifornien“: Nach einer Weltuntergangskatastrophe ragt von dem Goldenen Staat nur noch das Wrack einer Autobahn in den nun wieder smogfreien Himmel. Das 200 Quadratmeter große Wandbild strahlt Befriedigung aus; ein Erdbeben hat endlich Kalifornien, für viele der Jungen (die sich seiner Sonne und Freiheit erfreuen) der Inbegriff des klimatisierten amerikanischen Alptraums, in die Tiefen des Pazifiks heimgeholt.

Mit der San-Andreas-Bruch-Zone, die ihren Staat auf 1000 Kilometer Länge durchzieht, leben die Kalifornier gefährlich. Ein Großbeben ist ihnen nicht nur so gut wie, sondern hundertprozentig sicher, versichern die Experten, die sich an und für sich in der Rolle von Bußpredigern wenig wohl fühlen. Fraglich ist nur, wann, wie und wo – wobei allerdings einigen Seismologen Los Angeles als „aussichtsreicherer“ Kandidat für die nächste Katastrophe erscheint als San Francisco.

Kaliforniens Subkultur lebt schon lange mit und manchmal auch von der Erdbebenangst. Erdbebenposters und psychedelisch verzierte Erdbebenkissen, die dem erdbebengeschüttelten Schläfer Überleben verheißen, gehören zur Lokalfolklore. Manchmal schwappt die Erdbebenangst, angeheizt von Discjockeys, Hellsehern und assortierten Propheten, bis in die Sprechzimmer der Psychiater über. Eine Organisation, die sich „Fellowship of the Ancient Mind“ nennt, hat bei den Behörden von Los Angeles allen Ernstes um die Erlaubnis nachgesucht, aus den Trümmern der dann zumal zerstörten Megalopole die Kunstwerke zu bergen. Archäologie nach der Apokalypse ...

Der Großteil der Bevölkerung nimmt die Erdbebendrohung gelassen hin – für den Geschmack der Planer allzu gelassen. Zwar kennt man in kalifornischen Spitälern und Schulen regelmäßigen Erdbebendrill. Zwar berücksichtigen die Bauvorschriften seit 1933 das Erdbebenrisiko nach Möglichkeit und sind die angeblich erdbebensicheren Hochhäuser, die in beiden Ballungsräumen bis zu einem halben Hundert Stockwerken aufgeschossen sind, mit Beschleunigungsschreibern und anderen Meßinstrumenten bestückt. Aber bei Sandkastenspielen, wenn die Computer ein Großbeben simulieren, geht die Zahl der Toten jedesmal mit dem Zehn-, ja Hundertfachen der Opfer des Erdbebens von 1906, das San Francisco zerstörte, in die Rechnung des Entsetzens ein. Zu viele Schulen würden bei einem starken Beben einstürzen. Zuwenig wurde und wird bei Einzonungen auf den Verlauf der Verwerfungslinien geachtet. Sogar Spitäler und Footballstadien sitzen rittlings auf der gefährlichen Bruchzone. Die Brücke am Goldenen Tor und die Baybrücke nach Oakland, die Betonschlangen der Stadtautobahnen von Los Angeles und die über tausend Stauhaltungen des Staates gehören ebenfalls zum Stoff, aus dem die Schreckensträume der Fachleute gemacht sind.

Die San-Andreas-Bruch-Zone – Nebenbrüche und Verzweigungen erweitern den Hauptbruch zu einem ganzen System – erreicht das Festland bei Fort Bragg, etwa halbwegs zwischen San Francisco und der Grenze Kaliforniens mit Oregon, und verläßt es im Golf von Kalifornien, dieser selber eine Erweiterung des Erdspalts. Die neuen Vorstellungen der Geotektonik erlauben ein einfaches Verständnis des San-Andreas-Bruchs: Entlang seiner Trennlinie verschieben sich zwei kontinentgroße Schollen der Erdkruste, die pazifische Scholle mit dem Küstenstrich Kaliforniens nach Nordwesten, die nordamerikanische Scholle mit dem Rest des Goldenen Staats nach Südosten (relativ zueinander betrachtet). Die jährlichen Versetzungsbeträge erreichen nur Zentimeter. Bis Los Angeles (auf der pazifischen Scholle) und San Francisco (auf der nordamerikanischen Scholle) aneinander vorbeireisen, werden zehn oder zwanzig Millionen Jahre vergehen. Die gegenseitige Verschiebung erfolgt nicht ohne die Akkumulation von elastischer Spannung. Diese löst sich, wenn ein kritischer Wert überschritten ist, in Erdbeben.

Die Erdbebenlaboratorien der Universität von Kalifornien in Berkeley und des California Institute of Technology in Pasadena unterhalten entlang dem San-Andreas-Bruch seismische Stationen. Ebenso steht das um seine Dämme und Aquädukte besorgte Wasseramt Kaliforniens Erdbebenwache. Dagegen konzentriert sich heute die Grundlagenforschung im National Center for Earthquake Research, das der U.S. Geological Survey – unter dem Eindruck des verheerenden Bebens in Alaska – 1966 in Menlo Park, südlich San Franciscos, eingerichtet hat.