London, im November

Jeden Tag lesen die Leute in der Zeitung von Katastrophen und Skandalen. Ich glaube, sie sind froh, mal etwas zu lesen, was glücklich und gut klingt.“ Dieser entwaffnend naive Kommentar des Hauptmanns Mark Phillips zu seiner Fernsehhochzeit mit Prinzessin Anne wurde ausgestrahlt am Abend des großen Tanzvergnügens, das die britische Königin für 1500 Gäste im Buckingham-Palast gab. Noch müde vom Tanz mußte sie einer Thronratssitzung präsidieren, in der der nationale Notstand ausgerufen wurde.

Streiks in den Kraft- und Bergwerken gesellen sich zur Treibstoffkrise. Am Winterbeginn gähnt vor den Briten der Abgrund einer Strom-, Kohlen-, Benzin- und Heizölknappheit. Nach den üblichen leichtsinnigen Verzögerungen handelte die Regierung am Wochenanfang mit der ebenso üblichen Hektik. Sollte sie jedoch gehofft haben, die allgemeine Euphorie aus Anlaß der Hochzeit werde den Sinn für Realitäten überdecken, so sieht sie sich getäuscht. Die bittere Wahrheit der Lage dämmert selbst den ökonomisch nicht Versierten. Ein Defizit in der monatlichen Handelsbilanz von 298 Millionen Pfund (etwa 1,8 Milliarden Mark) macht alle Hoffnungen auf Zugewinne aus dem erweiterten Europamarkt zunichte. Der sofort drastisch heraufgesetzte Diskontsatz erschwert zwar Einfuhrkäufe auf Kredit, erhöht aber auch Ratenzahlungs- und Hypothekenzinsen. Er treibt also die Inflation an, die er gerade bremsen soll.

Der Teufelskreis, in den England geraten ist, wird von den, Tories heute sowenig durchbrochen wie zuvor von Labour (und entsprechend reagieren die Wähler bei Nachwahlen). Die Märchenwelt glücklicher Prinzessinnen vermag gar nichts dagegen. Feuchte Augen für einen Moment, kalte Füße den ganzen Winter lang – es ist keine Frage, was da mehr zählt. K.-H. W.