Von Wolfgang Rieger

Die Opposition hat im April dieses Jahres beantragt, beim Bundestag ein „Amt zur Bewertung technologischer Entwicklung“ einzurichten. Sie beschritt damit einen vom Kongreß in Washington gewiesenen Weg. Dort wurde im vergangenen Herbst nach jahrelangem Tauziehen ein Office for Technology Assessment (OTA) etabliert. Am 5. Dezember sollen nun deutsche und ausländische Experten in einem Hearing des Bundestagsforschungsausschusses zur Sache befragt werden.

Am Beginn dieser Entwicklung stand die Einsicht, daß Parlamentarier immer schwerer entscheiden können, welche Folgen ihre Beschlüsse im Bereich von Forschung und Technologie haben. Wer auf Nummer Sicher gehen will, muß versuchen, alle wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen einer neuen Technik, eines neuen technologischen Systems zu bewerten, ehe er sich entscheidet. Das gilt für Weltraumprogramme ebenso wie für die Förderung von Brutreaktoren oder Überschall-Passagierflugzeugen. Vorausschauender Sachverstand wird aber auch in anderen Bereichen verlangt; etwa beim Bau eines neuen Flughafens, bei der Einrichtung eines Satellitensystems, bei der Planung neuer Verkehrsmittel, bei der Gesundheitsfürsorge und der Reform des Bildungswesens.

Jerome Wiesner, Präsident des Massachusetts Institute of Technology, hat in diesem Zusammenhang von einem „Frühwarnsystem“ gesprochen, mit dessen Hilfe sich der Mensch vor seinen eigenen Erfindungen schützen müsse. Der ehemalige britische Technologieminister Anthony Benn hat noch deutlicher gesagt, worum es geht: Technology Assessment bedeute die Installation politischer Sicherungen, um die Machtübernahme der Wissenden, der Technokraten zu verhindern.

In der Bundesrepublik hat die Diskussion über den Umweltschutz und die Lebensqualität dazu beigetragen, unsere Aufmerksamkeit auf die langfristigen Folgen, Vorteile oder Schäden einer technologischen Entwicklung zu richten. Was damit gemeint ist, zeigt ein Beispiel: Wenn immer mehr Wohnungen Ölheizungen bekommen, so bedeutet das für die Mieter zunächst einmal größeren Komfort. Sie müssen im Winter nicht, wie noch ihre Großeltern, mit Zipfelmütze und Wärmflasche ins eiskalte Bett steigen. Aber je mehr Häuser Ölheizungen haben, um so unangenehmer können die Folgen dieser Bequemlichkeit sein.

Das ist zunächst einmal eine Frage der Energieversorgung, die Nahostkrise zeigt es. Andere mögliche Konsequenzen sind ebenfalls zu bedenken. Wenn viele Ölheizungen installiert werden, heißt das: gefährliche Abgase entweichen aus den Schornsteinen in die Atmosphäre. Im Wasser der Wolken gehen sie neue chemische Verbindungen ein. Diese gelangen, wenn es regnet, in Seen und Flüsse. Langsam werden die Gewässer vergiftet, zumal noch andere schädliche Verbindungen, etwa aus den Rückständen chemischer Waschmittel, hinzukommen.