Von Hang von Kuenheim

Bonn, im November

Aus der DDR weht ein scharfer Wind. Der Stand der deutsch-deutschen Beziehungen ist so elend wie in den kälteren Phasen des Kalten Krieges. Ergebnisse der von Ostberlin und Bonn eingesetzten Kommissionen sind nicht in Sicht. Das Jubiläumstreffen von Bahr und Kohl in der vergangenen Woche, auf den Tag genau ein Jahr nach Paraphierung des Grundvertrages, brachte zwar einen sentimentalen Rückblick, aber keinerlei Fortschritte.

Egon Bahr, der insgesamt 75mal mit seinem Ostberliner Gegenspieler zusammengetroffen war, wird sich der östlichen Zugluft nicht mehr länger aussetzen. An seine Stelle tritt von nun an Günter Gaus, Staatssekretär im Bundeskanzleramt und vorgesehen als erster ständiger Vertreter Bonns in Ostberlin. Wird es ihm gelingen, wieder Bewegung in die deutsch-deutschen Beziehungen zu bringen?

Das Hauptproblem, das Gaus gemeinsam mit Kohl lösen muß: Wo werden die ständigen Vertretungen "angebunden" sein – beim Ministerrat drüben und beim Bundeskanzleramt hüben? Oder, wie die DDR es wünscht, bei den Außenämtern? Im Gespräch ist ein Vorschlag, der auf eine "asymmetrische Anbindung" hinausläuft: der eine Vertreter wird beim Außenministerium der DDR akkreditiert, der andere im Palais Schaumburg.

Bei aller Kompromißbereitschaft wird Günter Gaus ein Ziel nicht aus den Augen verlieren dürfen: Die "besonderen" Beziehungen des deutschdeutschen Verhältnisses müssen sich auch in der Form der ständigen Vertretungen widerspiegeln. Daß dieses Ziel nicht leicht zu erreichen sein wird, machte erst letzte Woche DDR-Außenminister Winzer vor Journalisten deutlich. Auf die Frage, warum bisher keine diplomatischen Vertretungen in Bonn und Ostberlin eingerichtet sind, sagte er: "In dem Moment, in dem man sich in der Bundesrepublik über die Selbstverständlichkeit klar wird, daß die Beziehungen zwischen der DDR und der BRD wie mit anderen Nato-Staaten auf der Basis der friedlichen Koexistenz sind, wird es sehr schnell zu normalen Beziehungen zwischen der DDR und der BRD kommen."

Noch ist ein Gesprächstermin zwischen den beiden designierten ständigen Vertretern nicht vereinbart. So wird denn der Bonner Staatssekretär sich vorerst auf einer zweiten Schiene ins andere Deutschland begeben: Ende dieses Monats wird er mit Kurt Nier, einem der stellvertretenden Außenminister der DDR, die Verhandlungen über ein Kulturabkommen beginnen. Jedem, der es hören will, erklärt Gaus, daß dies neben allen eher technischen Folgevereinbarungen die eigentlich politischen Verhandlungen sein werden – hier gehe es schließlich um den Kern der deutschdeutschen Beziehungen, um die "geteilte Kulturnation".