Gespräch mit dem Dirigenten Dietrich Fischer-Dieskau

Es muß eine merkwürdige Anziehungskraft von dem kleinen dünnen weißen Stab ausgehen: Immer wieder reizt es Solisten, Geiger, Pianisten, Cellisten, den Taktstock in die Hand zu nehmen und selber ein Orchester zu dirigieren. Nun hat das Fieber auch Dietrich Fischer-Dieskau gepackt. Im Spätsommer begann er mit der Camerata Academica des Salzburger Mozarteums in Innsbruck, Linz und Salzburg, in Edinburgh dirigierte er ein schottisches, in London das New-Philharmonia-Orchester. Soeben ist die erste von Fischer-Dieskau dirigierte Schallplatte herausgekommen (Franz Schubert: „Sinfonie Nr. 8 [Unvollendete] und 5“; New Philharmonia Orchestra London, Leitung: Dietrich Fischer-Dieskau; Electrola 063-02429, 23,– DM). Kein Wunder, daß der mit Schuberts Liedern vielleicht zur Zeit vertrauteste Sänger auch als Dirigent für die größere Öffentlichkeit mit Schubert debütiert; kein Wunder auch, daß die erste Platte kein allzu neues Licht auf zwei der bekanntesten Sinfonien wirft; kein Wunder schließlich, daß man den Dirigenten Fischer-Dieskau nicht nach dieser Platte allein bemessen darf. Fischer-Dieskau versucht in erster Linie, die melodischen Bögen zu proportionieren. Das verschafft einerseits zügige Tempi, auch eine solide Klangschönheit, hat Leichtigkeit und etwas Schwebendes, gewinnt durch nicht zu heftige Akzente, macht sich frei von tiefgründelndem Bohren nach Sinn und tragischer Größe. Es führt – umgekehrt – zu einer Momentan-Ausdeutung, zu merkwürdigen Tempo-Unterschieden bei Wiederholungen, zu Tempo- und Dynamik-Schwankungen. Viele schöne bunte Steine, so zeigt sich in beiden Aufnahmen, ergeben noch kein notwendigerweise gutes Mosaik, und der Eindruck von etwas viel Hurtigkeit und Oberfläche ist am Ende doch nicht so ganz falsch. H. J. H.

Haben Sie als Dirigent Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

FISCHER-DIESKAU: Ich habe vor kurzem aus Amerika vernommen, daß in einer klassischen Musiksendung, in einer von den vielen Stationen, Elisabeth Furtwängler ein Interview gegeben hat über meine Zusammenarbeit mit Wilhelm Furtwängler. Und da hat sie etwas sehr Anrührendes gesagt, daß sie etwas so Ähnliches wie einen Nachfolger in mir damals schon gesehen hätte – es handelt sich also um die Jahre um 1950 herum. Ich habe das also mit einem Tränchen im Auge zur Kenntnis genommen. Und es ist tatsächlich so, daß ich diesen Mann ganz besonders als Dirigenten verehrt habe und es noch tue, und ich hoffe, daß sich irgendwann einmal etwas ergibt, was in diese Richtung geht.

Das ist aber eine gewaltige Hypothek ...

F.-D.: Hypothek würde ich nicht sagen. Ansporn, eine Anforderung, die man sich selbst stellt, ein Maßstab, den man sich aufstellt und den man zu erreichen versucht. Jeder wird in dem, was er tut, sich ein moralisches Gerüst sozusagen aufrichten. Ob er es nun erfüllt, ob er es wirklich eines Tages erreicht, das ist eine andere Frage.

Welche Erfahrungen brachte Ihnen die Arbeit mit den im Niveau sehr unterschiedlichen Orchestern ein, die Sie bisher dirigiert haben?